25 Jahre leise Trauer – jetzt wird’s laut

25 Jahre leise Trauer – jetzt wird’s laut

Heute vor 25 Jahren stand die Polizei vor der Tür. Draußen regnete es in Strömen und bis zum letzten Moment hoffte ich, der Zug, der mich gleich überrollen würde, könnte noch umgeleitet werden. Dann krachte er laut und ratternd über mich drüber. 

Als am nächsten Tag mein Vater vor mir stand und mich fassungslos ansah und fragte: “Ist das wirklich wahr?” schaute ich ihn mit meinen 14-jährigen Augen ratlos an und nickte stumm. Ja, dachte ich, scheinbar ist das alles wahr. Aber was weiß ich schon?
Ein Film zog an mir vorüber. Ich hatte eine kleine Nebenrolle und fühlte mich, als hätte ich ständig meine Anweisungen vergessen. Orientierte mich an den Erwachsenen und hoffte innigst, nichts falsch zu machen. Eines Nachmittags, als alle weg waren – bei irgendwelchen Bestattern oder so – hörte ich heimlich Musik. Angeblich hörte man keine Musik bis zur Beerdigung, aber weil die Leiche lange nicht freigegeben war wegen polizeilicher Untersuchungen des Unfallhergangs, war die zermürbende Stille endlos lang. Ich hielt es einfach nicht mehr aus. Mein schlechtes Gewissen eine wesentliche gesellschaftliche Regel gebrochen zu haben, schluckte ich mit ein paar Tränen später hinunter.

Wie trauert eine 14-jährige? Niemand konnte es mir sagen, denn alle waren mit sich beschäftigt. Auf der Beerdigung stand ich fassungslos vor einem Sarg auf dem ein Stahlhelm lag, weil die Bundeswehr, bei der er derzeit gedient hatte, ihre Hände im Spiel hatte. Darin sollte er liegen. Mein Bruder. Meine zweite Hälfte. Mein Halt. Der Lebenspartner meiner Kindheit. Was haben wir gelacht gemeinsam. Hier lachte niemand mehr. Für lange Zeit wagte ich es nicht zu lachen. In der Schule war ich froh, wenn alle lachten und ich hoffte es sei okay, dass ich mitlachte. Oder war das auch nicht erlaubt?

Als der Sarg in der Grube stand und ich so wie alle anderen Erde und eine Rose auf ihn geworfen hatte, liefen unzählige Menschen an mir vorüber, reichten mir die Hand und murmelten etwas von Beileid. Nichts davon kam bei mir an, es war anstrengend zu stehen, die Beruhigungspillen begannen zu wirken und ich wollte einfach nur schlafen.

 

“Wenn Liebe könnte Wunder tun und Tränen Tote wecken, dann würde Dich geliebtes Herz nicht kühle Erde decken.”

 

Mit großen Augen habe ich zugeschaut, wie die Jahre vergingen.

Später, sehr viel später, war ich dann dran. Da habe ich getrauert. Da hat mich die plötzliche Trauer überrollt. Es war diesmal kein Zug, vielleicht eine Straßenbahn. Schmerzhaft war es doch sehr. Vielleicht sehr viel mehr, denn sie kam plötzlich und unerwartet. Ich habe Dich vermisst am Geburtstag. Sowohl an Deinem, als auch an meinem. Das ist praktisch, denn wir haben an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Da ist die Trauer komprimiert. Deinen Todestag habe ich manchmal vergessen. Vielleicht wollte ich das. Der Körper arbeitet gern mit Verdrängung, wenn er spürt, das ihm das gut tut. Dann gibt es Momente, in denen jemand etwas sagt. Ein Satz, ein Wort und es fegt mich um, ergreift mich wie ein Tornado, wirbelt mich durch die Luft dass ich kaum atmen kann. Erinnerungen fetzen durch meinen Kopf. Es dauert, dann kehrt wieder Ruhe ein. Immer und immer wieder. Ohne Plan oder Terminkalender. Einfach so. Das zehrt.

Noch heute fällt es mir schwer, wenn Menschen mich fragen, ob ich Geschwister habe. Was soll ich sagen? Nein ist eine glatte Lüge. Ich bin kein Einzelkind, ich war es nie und werde es nie sein. Wenn ich Ja sage, folgt unweigerlich die nächste Frage nach Deinem Tun und Sein. Und dann muss die Wahrheit ans Licht. Dann ist der Moment nicht mehr weit. Das zerknirschte “Oh, das tut mir leid.” das mir dann mehr leid tut, als den anderen. Es muss Euch nicht leid tun. Und das letzte, was ich hören will, ist ein phrasenleeres Beileid. Damit konnte ich mit 14 nichts anfangen und heute schon gar nicht.

Wir können mit Trauer und Trauernden nicht umgehen. Der Tod ist das Ungeheuerlichste Wesen da draußen und alle fürchten ihn und alles, wo er seine Finger im Spiel hat. Die Gesellschaft hat da strenge Regeln, aber wenig einfühlsame Worte aufgestellt. Ich erinnere mich, wie ich wochenlang den großen Stapel an Beileidskarten immer und immer wieder gelesen habe. Die, in denen nichts weiter stand außer der “Aufrichtigen Anteilnahme” legte ich beiseite. Sie bedeuteten mir nichts. Doch da waren die, in denen Menschen ihre Erinnerungen an ihn mitgeteilt hatten, Worte zu seinem Wesen fanden und uns Kraft und Zuversicht wünschten. Diese Karten las ich immer und immer wieder. Sie halfen mir. Sie machten ihn zu einer Person und uns nicht zu den armseligen Opfern, die nun in ihrem Sumpf allein sitzen mussten.

Ich werde nicht mehr leise vor mich hin trauern. Ich habe einsam und still getrauert, als ich hätte schreien und davonlaufen sollen. Das wäre menschlich gewesen. Ich werde meine Worte dafür benutzen und alles dazu niederschreiben, was mir in den Kopf kommt. Und ich werde es mit der Welt teilen. Denn ich möchte nicht, dass man Kinder in ihrer Trauer allein lässt. Dass man Menschen mit einem leeren “Mein Beileid” mitleidig ansieht und sich selbst überlässt. Ich möchte helfen Worte und Wege zu finden, diesen Menschen auch in diesen tiefen dunklen Stunden Mut und Kraft zu schenken, die sie brauchen. Wie? Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich mich nicht mehr zurückhalten werde. Ich trage die Kraft und Macht der Worte in mir. Und ich werde sie benutzen.

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