Aus der Schreibwerkstatt :: Schwarze Fäden

Impuls: Aus dem ersten Satz einer/s anderen eine Geschichte spinnen.

Sie hielt einen Fächer in der Hand, violett, mit schwarzen Blumen. Grazil fächerte sie sich Luft zu. Plötzlich wuchsen aus ihrem Fächer lauter dünne schwarze Fäden, die sich vorwärts schlängelten und den Boden abzutasten begannen.
Es fiel ihr immer schwerer sich grazil und vornehm Luft zu zu fächern. Sie zog und zerrte, um den Fächer in Form zu halten. Sie schimpfte laut, als dieser sich immer weiter von ihr weg bewegte. Bis er ihr ganz entrissen wurde. Erst dann bemerkte sie die Fäden auf dem Boden. Sie waren um sie herum und überall und begannen nun an ihren Füßen und Beinen hinauf zu krabbeln. Sie schrie und wedelte mit den Händen. Ein wenig sah es so aus, als würde sie sich noch immer Luft zu wedeln. Ihr Kopf war hochrot und ein panischer Blick fiel aus ihren Augen. Die Fäden tasteten sich weiter und weiter nach oben. Sie wanderten ihre Beine entlang, umschlangen die Knie und machten sich auf den Weg höher hinaus. Unbeirrt von ihrem Schreien fanden immer neue Fäden immer neue Wege. Der Fächer am Boden nur noch ein schwarz umwobenes Knäul. Sie versuchte mit beiden Händen die Fäden von sich zu schieben. Doch sie blieben kleben und wanderten nun ihre Arme hinauf. Als die ersten Fäden ihren Hals erreichten, sank sie ohnmächtig zu Boden.

Als sie erwachte, spürte sie drückende Hitze auf ihrem Körper. Müde und schwach war es ihr unmöglich, die Augen zu öffnen. Es dauerte. Minuten. Stunden. Vielleicht sogar Tage, bis die erste Erinnerung ihren Kopf berührte und sie erschrocken die Augen öffnete. Sie hob die Hände in die Höhe, die Arme und begann panisch alles von sich zu streifen. Doch es war nichts. Ihre Haut war rein und faltig wie immer, ihre Haare in ein Netz unter ihrem Kopf zurückgekämmt, in Kissen versunken. Erleichtert sank sie in sich zusammen und schloss die Augen.
Als sie das nächste Mal erwachte, fuhr sie weniger panisch auf. Sie dachte an Wasser. Ihr Mund war ausgetrocknet. In diesem Moment fragte sie sich zum ersten Mal, wo sie überhaupt sei. Sie schaute herum. Nichts schien ihr bekannt. Nichts erinnerte sie. Vorsichtig erhob sie sich und stand auf. Ihre Beine leicht und wattig, der Boden kaum spürbar. Sie ging zur Tür und wollte sie öffnen, als diese ihr mit einem lauten Knall entgegen flog. Hinter der Tür lag ein großer Saal und am Ende des Saals saß eine schwarze Gestalt in trübem Licht. “Tritt näher!” sprach sie. Leise, aber bestimmt. Zaghaft stellte einen Fuß vor den anderen, bis sie der Figur näher kam, sie besser erkennen konnte. Sie trug einen roten Hut und eine schwarze Brille. “Wer…? Was… sind sie?”
“Ich bin ein Teil von Dir.”
“Ein Teil von… ein was?”
Sie rieb sich die Augen und hoffte, jeden Moment zu erwachen. Irgendwo, nur nicht hier.
“Ich bin ein Teil von Dir, aber Du kennst mich nicht. Du hast mich nie gekannt. Verbannt und vergessen. Wie ein Stück Brot gegessen und leise verschluckt. Doch ich habe mich versteckt und zaghaft geduckt. Bis zu dem Moment, als Du stolz und vermessen… ” Er stockte und sah ihren Unglauben. Ihre Angst. Ihre Panik. Er lächelte.
Dann hob er seine Arme, aus denen kleine feine Hände ragten und daraus kleine Finger aus denen wiederum tausende und abertausende schwarze Fäden entwuchsen und sie drehten und tanzen ließen, ihren Kopf wackelten. Denn die Fäden waren ihr Haar in dem Netz auf ihrem Kopf. In ihr drin.

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