Tag 02 – Herr Kran

Herr Kran ist ein hoch nach oben geschachteltes Ungetüm aus Metall. Schwer. Aber nicht ungelenk. Er ragt weit hoch in den Abenhimmel und verharrt still im feuerroten Licht. Feierabend. Ausgedient. Für heute.

Sein Meister, der Kranfahrer Egon, hat die Stufen nach unten bereits eine nach der anderen betreten und ist heimgekehrt zu Frau und Bier. Mehr zum Bier, als zur Frau. Denn das Bier schmeckt weniger bitter und schweigt still. So wie Herr Kran. Sein täglich stiller Freund dort oben über den Dächern der Stadt. In einträchtiger Zweisamkeit verbringen sie die Tage gemeinsam, staunen über das Treiben unter ihnen, drehen ihre langen Nasen mit dem Wind und singen manchmal knarzend leise Lieder vom Leben und der Welt.

Herr Kran weiß viel über Erwin, seinen Meister. Über dessen Frau, die nicht mehr das hübsche Ding von damals ist. Die ihre Nägel rot lackiert, um sich hin und wieder aber so zu fühlen. Er weiß auch alles über Anja, die schöne Bäckersfrau drüben beim Anker, wo Erwin sich morgens seine Topfengolatsche holt. Und manchmal eine frühe müde Erektion. Anja weiß davon nichts und Herr Kran lächelt leise darüber. Besser so, denkt er. Er weiß auch über Erwins Träume. Einmal nach Russland fliegen, nach Moskau. Auf dem roten Platz stehen und die Zwiebeltürme, die er nur aus dem Schulbuch von damals kennt, bewundern. Den einbalsamierten Lenin bestaunen und ihm sein “учитеб учите учите” in die Ohren flüstern. Aber seine Frau will lieber nach New York und shoppen so wie in den Serien, die sie immer im Fernseher sieht. So streiten sie stumm und liegen jeden Sommer aufs Neue in der Lobau zwischen nackerten Wienern und träumen sich in andere Welten.

Herr Kran kennt auch Erwins heimliche Leidenschaft. Das Dichten. Hier oben in aller Höhe fabuliert er, reimt und staunt manchmal selbst über seine Worte. Dann sagt er “Das ist für Anja.” und zwinkert ihr von oben zu. Und der Kran lächelt müde über die Feigheit der Menschen, die voneinander nichts wissen. Er dreht sich mit dem nächsten Wind hinüber zu Helene und wartet, bis es dunkel wird. Dann küsst er sanft ihre lange Metallnase und ist glücklich.

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