Tag 04 – Spuren

Die Wellen umspülten kalt ihre Füße. Sie stand und wartete. Blickte hinaus auf die Weite der See, den endlosen Himmel über sich und spürte den kühlen Wind im Nacken. Noch enger schlang sie ihre Arme um sich herum, hielt sich und stemmte sich dem Wind und dem Leben entgegen.

Sie hatte das so nicht gewollt. Aber geahnt, dass da ganz hinten, tief unter dem Sofa zwischen den Staubflusen im dunklen Eck ihrer verträumten Realität diese Angst schlummerte. Und dass sie früher oder später ihren Weg nach draußen wagen würde, sie packen und schütteln und fragen: “Was willst Du jetzt tun?” Sie wusste es nicht. Was sollte sie jetzt tun? Vor ihr das Meer, die tanzen Wellen. Hoch und höher, jede einzigartig und berauschend. Hinter ihr die Hütte im Sturm, kalt und feucht. Tagsüber fegte die Kälte durch die Risse im Holz, nachts legte sich still das Dach oben auf und hielt das schiefe Gebilde fest.

Sie fror. Da drinnen und hier draußen mit ihren Füßen im eiskalten Wasser. Die Sonne tippte ihr sanft auf die Schulter und fragte: “Was willst Du jetzt tun?” Sie schloss die Augen, atmete noch einmal tief den salzigen Wind ein und ließ die Tränen laufen. Dann drehte sie sich langsam um. Sie hatte einen Schatten gespürt und sah Spuren im Sand. Spuren, die von der Hütte direkt auf sie zuliefen. Erschrocken blickte sie wieder nach vorn. Die Spuren verliefen sich, wurden vom Wasser verschluckt und hinaus ins Meer getrieben. Sie drehte den Kopf, sah einen Schatten erst neben sich, dann über sie hinweg verschwinden. Sie blickte auf und direkt in das Sonnenlicht, das noch immer aus den Wolken hervor schaute. Im nächsten Moment fühlte sie eine große Hand auf ihrer Schulter ruhen. Langsam, ganz langsam spürte sie Wärme in ihren Körper aufsteigen. Das Meer wurde ruhig. Der Wind tanzte leise davon. Sie schloss die Augen und lächelte in die Sonne.

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