Tag 16 – Ewigkeit

Sie hatte sich schon immer gefragt, warum die Schneekönigin eigentlich Schneekönigin und nicht Eiskönigin heißt. Denn in ihrer Erinnerung an das Märchen von Hans Christian Andersen war ihr immer eher eisig zumute. Wie die kleine Gerda ihrem geliebten Freund Kai hinterherruft, während der mit dem Schlitten der eisigen Schneekönigin dahinsaust. Und wie sie ihn am Ende im Eispalast wiederfindet. Wo er stetig das Wort “Ewigkeit. Ewigkeit.” vor sich her sagt, während er versucht aus Eisstücken genau dieses Wort zu legen. Und wie am Ende dank Gerda sein gefrorenes Herz wieder auftaut und doch alles gut wird. Wie das im Märchen eben so ist. Und trotzdem hat sie jedes Mal aufs Neue mitgefiebert und mitgelitten.

Zumindest ist diese Version ihrer eisigen Schneekönigin die, die ihr im Kopf geblieben ist. Sie hat das Märchen oft mit ihrer Freundin als Hörspiel gehört. Auf einer großen Schallplatte. Die hatten sie auf den roten, tragbaren Plattenspieler gelegt und bis in alle Ewigkeit gehört. Dabei hatten sie gespielt, gebastelt, gemalt. So genau wusste sie das nicht mehr. Aber die Rufe Gerdas aus dem roten Kasten, das stetige “Ewigkeit. Ewigkeit.” von Kai waren ihr tief eingebrannte Erinnerungen.

Sie wusste nicht, warum ihr das ausgerechnet jetzt alles einfiel. Wo sie hier auf ihrem Platz am Fenster saß, in den nicht tauen wollenden Winter hinaus schaute, wo die ersten Knospen beharrlich mit dem nicht verschwinden wollenden Frost kämpften. Wo sie keinen Frühling mehr in sich aufleben spürte, der Frost sich bereits in ihre Zehen fest eingeschlichen hatte. Wo sie auf ihre ganz eigene Ewigkeit wartete. In der sie hoffentlich ihren Kai wiedersehen würde.

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