Tag 20 – Drei Pillen

Sie saß auf einer Bank am Ufer der Alten Donau. Die lag still und winterfest vor ihr, bewegte sich kaum. Der Herbst hatte sie in ihre wohlverdienten Ferien geschickt. Durchgebadet, sonnencremeverschmiert und elendig aufgeheizt hatte sie sich durch den langen Spätsommer geplätschert. Nun war es endgültig kalt und still um sie herum. Die Menschen hatten ihre Badehosen in den Keller gebracht und gegen die Winterschuhe getauscht.
In denen saß sie hier auf der Bank, den Schal eng um den Hals geschlungen und wartete. Darauf, dass der Zeiger der Uhr weiter Richtung Endlichkeit lief. Darauf, dass die drei sonderbaren Pillen, die sie geschluckt hatte, wirken würden. Einige Stunden würde es dauern, hatte er gesagt. Und sie hatte stumm genickt. Hatte nicht gefragt was jede Pille veranlassen würde. Und warum es ausgerechnet drei waren. Sie hatte sie genommen, aus der Packung gedrückt und mit einem Glas Wasser hinuntergespült.

Sie blickte zu Boden. Vor ihr lagen am Boden unzählige kleine Kieselsteine, jeder einzigartig individuell. Sie beugte sich nach unten und hob die auf, die glattgeschliffen sich wohlgeformt anfühlten unter ihren kalten Fingern. Sie rieb sie sauber und legte sie vor sich auf. Dann nahm sie Stein für Stein in die Hand und legte sie auf. Dabei schenkte sie jedem Stein eine Erinnerung aus ihrem Leben. Erinnerungen, die sie hier an diesem kalten Herbsttag noch einmal wärmten. Erinnerungen, die sie nun nicht mehr brauchte. Die sie loslassen konnte, hinter sich lassen. Lassen.

Erinnerungen an den Berg aus Schnee, in den sie Höhlen grub, sich ein Iglu baute und eine eigene kleine Welt für sich hatte. Nur für einen Tag. Erinnerungen an ihren ersten Kuss. An den Einzug in die alte WG. An die Diplomprüfung und das berauschte Gefühl danach. Mit jeder Erinnerung wurde ihr wärmer, mit jedem Stein, den sie aufreihte, fühlte sie sich leichter. Die letzte Erinnerung, die sie ablegte, war die an den Morgen, an dem sie wusste, dass es Zeit war. An dem sie spürte, dass es richtig und gut war. An dem sie sich ganz ruhig und wohl fühlte. Dann wurde ihr schwindelig. Die Alte Donau begann sich rauschend auf und ab zu bewegen. Die Erinnerungen vor ihr verschwammen zu einem wirren Gebilde.

Dann wachte sie auf.

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