Tag 22 – Handball

Sie schaute auf die Uhr. Es war bereits elf. Das Konzert war längst aus. Die meisten waren schon gegangen. Aus den Lautsprechern lief irgendeine alte Playlist. Vorhin hatte sogar ein Besoffener getanzt. Der saß jetzt auf einem Stuhl unter den Lautsprechern und schlief. An der Bar saßen außer ihnen noch drei Männer.

Sie spürte eine leichte Unruhe in sich aufkommen. Es rückte die Entscheidung näher, ob sie einfach ins Hotel fahren sollte oder hier mit ihm noch was trinken, weiterziehen, weiter trinken sollte. Sie wollte am liebsten die Zeit anhalten. Stillstand und genau dieses Jetzt genießen. Gern auch an einem anderen Ort, etwas gemütlicher. Aber wie konnte sie diese kleine heile Blase voller Wiedersehensfreude, in der sie sich befanden, im Ganzen hier raustragen? Ohne dass sie platzte. Ohne dass die Realität wieder mit dem Arm wedelte und ihr laut “Vergiss mich nicht!” rief. Sie schielte auf sein Glas. Es war noch halb voll, ein wenig Zeit blieb ihr noch.

“Wo übernachtest Du eigentlich?” fragte er sie in ihren Gedankenstrom hinein.
“Im Hotel.” sagte sie und es klang so erwachsen und alt, dass sie es am liebsten gleich wieder verschluckt hätte.
“Kennst Du niemanden mehr hier, wo du schlafen könntest?” fragte er verwundert. Und sie hatte sich diese Frage auch gestellt. Aber sie mochte das nicht. Sie wollte unabhängig sein, frei in dem, was sie tat und wann sie etwas tat. Sonst wäre sie vielleicht gar nicht hier in diesem Club gelandet. Wäre ihm nicht begegnet. Aber das konnte sie jetzt so nicht sagen.
“Ja schon”, sagte sie nur. “Ich find das aber eigentlich angenehmer wenn ich von niemandem abhängig bin.”
Er nickte. “Das passt zu Dir.” Dann nahm er einen Schluck von seinem Bier und sie spürte wieder den Stress aufsteigen. Die Entscheidung, die zu treffen war. Die heile Blase, die es zu erhalten galt.
“Und willst Du das jetzt einfach so zurück in Dein Hotel, oder gehst Du noch woanders hin?” fragte er und hielt damit diese Blase einfach so hoch, als wäre es ein Handball. Sie fing ihn auf und fragte ganz einfach und leicht zurück: “Was machst Du denn jetzt noch?”
Er zuckte gelassen mit den Schultern. Und für einen Moment war es still. Wer würde nun nach vorn stürmen, den Ball werfen und einen Treffer landen?
Sie zögerte zu lang, er nahm ihr den Ball aus der Hand und lief geradewegs auf das Tor zu. “Gehen wir noch ins Blue Note was trinken?” Treffer. Sie nickte ihm erleichtert zu. Dann tranken sie ihre Biere aus, sie zog ihre Jacke an und schob ganz unauffällig ihre kleine heile Blase der Wiedersehensfreude zurück in die Hosentasche.

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