Tag 26 – Leuchten

“Und was machst Du jetzt so?”
Sie wusste dass die Frage früher oder später kommen würde. Ihr brannte sie genauso auf der Zunge, aber sie war eine Sorte von den banalen Fragen, die sie nicht stellte, weil sie alle stellen würden. Die Sorte von Fragen, die bei einem Klassentreffen zu Hauf gestellt werden. Oder bei solchen Studententreffen, wie sie es jetzt gerade erleben würde, wenn sie nicht umgekehrt wäre. Und dann wäre sie nicht hier und würde nicht mitten in der Vergangenheit hocken und Bier trinken. Oder vielleicht würde sie das, also das mit der Vergangenheit. Aber es wäre ein anderer Teil. Ein knotigerer. Nein hier war sie jetzt genau richtig. Hier irgendwo im Damals mit den vergangenen Jahren klein zusammengefaltet in ihrer Hosentasche. Ein klein wenig größer als damals, ein paar Kilometer weiser. Aber jetzt in diesem Moment ganz einfach ganz gern da hinten in diesem Früher. Und da platzte nun seine Frage herein. Was sie nun mache. Tja. Was war das genau?
Sie hatte über diese Frage im Zug nachgedacht, als sie noch geglaubt hatte, ihren ehemaligen Kommilitonen darauf zu antworten. Zu erklären, warum sie nichts von all dem tat, was die alle taten und wofür sie sich damals durch ihr Studium geplagt hatten. Zumindest sie hatte es als Plage empfunden. Die Prüfungen, die Arbeiten, die steifen und sturen Professoren und ach so vieles mehr. Es war eigentlich kein Wunder, dass sie davongelaufen war und dem Fach den Rücken gekehrt hatte. Dennoch war sie in Erklärungsnot geblieben. Immer. Und vermutlich würde das auch so sein, so lange sie auf der Suche war. Auf dieser endlosen Suche nach dem richtigen Ding, dem richtigen Weg, dem ihren Pfad.

Sie blickte ein paar hundert Kilometer weiter. Auf ihr Leben. Auf all das, was dort ihren Alltag bestimmte und erfüllte. Und von hier, aus dieser sicheren Entfernung, aus dem Blickwinkel der Vergangenheit betrachtet, sah das plötzlich alles gar nicht so schlecht aus, wie es sich für sie oft anfühlte.
“Warum grinst Du so?” fragte er plötzlich.
Sie schaute ihn an. “Ach, nur so” sagte sie. “Mir ist halt grad so eingefallen, was ich alles so mache. Weil Du gefragt hast.” Er nickte.
“Es ist irre viel” sagte sie. “Aber es ist alles ganz wunderbar. Ich schreibe und gestalte. Ich nehme den Tag, so wie er ist, ich verpacke ihn in Worte und Bilder, ich binde Sätze drumherum und und bin gespannt, was sich daraus ergibt. Manchmal ist mir völlig klar, was ich damit bezwecke. Manchmal geht ein Plan auf. Manchmal fallen Ideen zu Boden und zerbrechen. Dann kehre ich sie auf, hebe auf, was noch brauchbar ist oder was man flicken kann. Anderes landet auch mal frei im Müll. Das lasse ich gehen. Und es hört nie auf. Es ist immer etwas da, in mir drin. Und ich habe in diesen zähen letzten Jahren eines gelernt: Die Dinge fügen sich so, wie sie sollen, wenn die Zeit dafür reif ist. Und Begegnungen finden dort und dann statt, wenn wir sie tragen können. So wie das hier.” Sie deutete auf ihn und sich und den Tisch zwischen ihnen.
Er schaute sie ein wenig verworren an. Sie wusste nicht, ob es das Bier war oder die Worte, die da so plötzlich aus ihr heraussprudelten. Von denen sie nicht wusste, wo sie herkamen, aber die ihr gefielen und die sie alle einfing und ganz fest in ihrer Hand hielt. Und sie strahlte. Sie spürte das Glühen in ihrem Gesicht, ihre Augen, die plötzlich wieder ganz wach waren und seine suchten. Sie fühlte sich jetzt hier in diesem Moment genau richtig und da. Sie lächelte und er lächelte zurück. Und sie hoffte, dass auch dafür nun die Zeit reif war, dass sie das nun tragen konnte. Was auch immer es sein sollte.

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