Tag 27 – Konrad und Marie

“Mist, ich muss nach Hause” sagte Marie.
“Was, jetzt schon?” Konrad sah sie an, blickte in ihre graublauen Augen.
“Ja, ich muss noch Mathe machen. Sonst gibt’s wieder Ärger.” Marie verdrehte die Augen. Konrad seufzte.
“Blöde Schule.”
Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite. “Nur noch vier Wochen. Dann sind Ferien hey!”
“Gott sei Dank” sagte er und setzte sich auf.
Marie lehnte sich zu ihm hinüber und legte ihre Nase auf seine. Sie wackelten hin und her, so dass sich ihre Nasenspitzen dreimal berührten.
“Bis morgen.” flüsterte sie.
Konrad nickte und schaute zu, wie sie aufstand und davon lief. Noch lange, als sie schon längst um die Ecke gebogen war, schaute er ihrem Wesen nach. Er atmete laut aus, sein Herz schlug wild und durcheinander. Dann ließ er sich auf die Wiese zurückfallen. Er blickte nach oben. Der Himmel war strahlend blau, die Sonne strahlte ihn durch die Blätter der Bäume an und malte bunte Bilder über seinem Kopf, in dem sich in letzter Zeit immer mehr kinoähnliche Szenen abspielten. Konrad wusste nicht so recht, was in ihm los war. Er war verwirrt, er fühlte Dinge, die ihm fremd waren. Peinlich und unangenehm angenehm. In seinem Herz war es häufig warm, sein Hände hingegen zitterten und zu seinem restlichen Körper schien er den Kontakt verloren zu haben.
Noch eine Weile lag er so da und schaute in den Himmel, betrachtete die Blätter, die über ihm tanzten. Dann stand er auf und ging nach Hause.

Es war niemand da und er ging direkt in sein Zimmer, schloss die Tür hinter sich und ließ sich auf sein Bett fallen. Über ihm hing ein Dinsoaurierposter, das ihm plötzlich unfassbar peinlich erschien. Er stand auf und nahm es ab, knüllte es zusammen und warf es in den Mülleimer. Sein Blick fiel auf all das Lego, all die gebauten und zerfallenen Gebilde aus bunten Plastiksteinen. Er betrachtete die Bettwäsche mit den Autos drauf. Und irgendwie schien ihm, als wäre er in einem Zimmer gelandet, das nicht ihm gehört. Als wäre er hier gestern aus Versehen eingeschlafen und nun aufgewacht. Er nahm all die Dinge, all das Lego, all die Figuren und die gesammelten Fußballersticker und räumte sie in eine Kiste. Die schob er unter sein Bett. Und weil er einmal dabei war, schob er all die Staubflusen seiner Kindheit gleich mit darunter. Er atmete auf, riss das Fenster auf und ließ neue Luft hinein. Ein zarter Wind wehte um seine Nase und er dachte an Marie. An ihre Nase an seiner. An diese vertraute Nähe, die sie seit 14 Jahren miteinander verband. An ihr Lachen und ihre Haare, die ihm manchmal im Gesicht kitzelten, wenn sie unter dem Baum lagen und über die Lehrer schimpften. Oder über die Welt und das Leben sprachen. Und plötzlich überkam ihn eine Welle dieser Gefühle, die ihm fremd war und er bekam Angst. Angst davor, seiner besten Freundin davon zu erzählen. Und Angst davor, es nicht zu tun.

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