Tag 33 – Von Glühbirnen

“Ich kann ja nichts dafür, die Ideen wandern in meinen Kopf wie eine Armee Ameisen. Stets und ständig. Unaufhörlich. Siehst Du? Schon wieder eine, da!” sie zeigte in die Luft neben ihren Kopf. Da, wo wieder eine neue Idee eingezogen war.
Er schaute sie an und lächelte.
“Was ist?” fragte sie. Ein bisschen genervt, weil sie sein Lächeln nicht zuordnen konnte. Ein bisschen selbst lächelnd, weil seines ansteckend frech war.
“Nix. Erzähl mir doch mal von Deinen Ideen. Von den vielen tausend kleinen Ameisen da in deinem Kopf.”
“Nein. Das sind so viele. Das ist so viel verschiedenes. Das würde jetzt ewig dauern.” Sie schaute an ihm vorbei aus dem Fenster in die Nacht hinaus.
“Du ich hab Zeit” sagte er und lehnte sich genüsslich zurück. “Ich hab heut nix mehr vor.”
Sie war irritiert. Natürlich hätte sie ihm jetzt ein paar ihrer Ideen erzählen können, aber welche? Die Armee Ameisen war ja hoffnungslos übertrieben. Es waren schon sehr viele ja, aber doch eher eine Lampenausstellung im Möbelhaus, als ein Ameisenhaufen. Außerdem hatte sie das Gefühl schon sehr viel über sich erzählt zu haben.
“Na wenn Du so viel Zeit hast, dann erzähl mir doch lieber von Dir noch ein bisschen” forderte sie ihn heraus. Doch er blieb ganz ruhig.
“Du lenkst ab.”
“Ich lenk nicht ab. Ich lenke um” lachte sie.
“Ja und ich weiß auch genau warum” sagte er ernst.
“Warum?” fragte sie schnell.
“Das ist doch ganz klar. Du redest so viel über Deine Ideen. Aber Du stehst nicht dahinter. Du wirst nicht konkret. Du bist unsicher, ob sie wertvoll sind. Ob Du sie schaffen kannst. Umsetzen kannst.”
Sie spürte, wie sie rot wurde.
“Dein Problem ist, dass die Ideen, die Du hast, nur Schatten sind, die die Glühbirnen werfen. Die trägst Du mit Dir herum wie heilige Schätze. Aber die eigentliche Glühbirne, die lässt Du in ihrer Fassung stecken.”
Sie starrte ihn groß an. Versuchte Bilder zu finden für all das, was er sagte. Versuchte zu widersprechen, zu rebellieren. Aber es gelang ihr nichts. Für eine Weile gelang ihr gar nicht irgendetwas zu sagen. Sie bohrte mit ihrem Zeigefinger im Wachs der Kerze herum, die vor ihr auf dem Tisch stand. Die Flamme flackerte dabei vor ihren Augen herum. Das war es, was leuchtete. Nicht die Ideen. Nur die Flamme einer alten herabgebrannten Kerze in einer dunklen Kneipe nachts um halb eins.
“Sagst Du jetzt nichts mehr?” fragte er vorsichtig, aber bestimmt. Er stand zu dem, was er gesagt hatte und war bereit jegliche Rebellion aufzufangen und ihr zurückzuschleudern. Doch sie rebellierte nicht. Sie nickte nur. Sie nickte eine Weile vor sich hin, bis sie wieder sprechen konnte.
“Vermutlich hast Du recht” sagte sie dann leise. Er schaute sie dabei ruhig an. “Aber wie geht das?” fragte sie ihn.
“Wie geht was?”
“Naja” sagte sie. “Wie erkenne ich, ob ich die Glühbirne erwische oder ihren Schatten?”
Er überlegte eine Weile. Dann grinste er.
“Lass es mich versuchen Dir zu zeigen.”
Sie runzelte die Augenbrauen. In seinen Augen steckte etwas kindlich verschmitztes und sie wurde neugierig.
“Okay” willigte sie ein.
“Okay” sagte er und nahm einen Schluck aus seinem Bier.
“Ich mache Dir einen Vorschlag” sagte er dann und sie war irritiert, was das jetzt mit der Glühbirne zu tun hatte. Sie nickte dennoch.
“Wir trinken noch ein Bier. Dann gehen wir zu mir. Du kannst bei mir übernachten. Auf dem Sofa. Ich im Bett. Nichts weiter. Wir können noch was trinken und die Platten rauf- und runterleiern so wie früher. Wie können weiter plaudern oder einfach irgendwann total müde einschlafen.” Er blickte sie mit großen Augen an.
Sie spürte, wie ihr Herz raste. Den ganzen Abend hatte sie den Moment gefürchtet, an dem er sagen würde, dass er nach Hause muss und sie in ihr Hotel ziehen müsste. Dass diese Begegnung schon wieder vorbei sein würde, nachdem sie gerade erst ihren Lauf genommen hatte. Doch jetzt war sie nervös. Sollte sie wirklich mit zu ihm gehen? War es wirklich so einfach, wie er sagte? Oder trug er da ein Bündel Leichtigkeit vor sich her, um eventuelle Erwartungen zu überspielen? Und was war mit ihr? Würde sie einfach so bei ihm sein können? Sie blickte ihn wieder an. Seine Augen funkelten sie an, strahlten gleichzeitig ein stummes “Wie Du magst.” herüber. Und während ihr Kopf noch ratterte, sagte ihr Bauch:
“Okay. Warum nicht.” Und sie wunderte sich selbst über die Worte aus ihrem Mund.
“Cool” sagte er und winkte dem Kellner zu. Er bestellte noch zwei Bier und schaute ihr dann wieder in die Augen.
“Siehst Du” sagte er. “Das war die Glühbirne, die hier gesprochen hat. Aus der Fassung geschraubt, in den Raum gehalten und keinen Moment gezögert.” Er hob die Schulter, zog die Augenbrauen hoch und war sichtlich stolz auf sich selbst.
Und sie war beeindruckt. Das war die Glühbirne. Ab morgen würde sie die Ideen in ihrem Kopf austauschen. Jeden Schatten gegen seine jeweilige Glühbirne. Morgen. Aber nicht heute. Heute war ein anderes Abenteuer und auf das ließ sie sich jetzt frei und mutig ein.

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