Tag 37 – Der hat nen Knall

“Warum hast Du Dich eigentlich immer wieder auf mich eingelassen?” fragte er und wirkte sehr ernst dabei.
“Was glaubst denn Du?” antwortete sie eher belustigt darüber, wie er so eine Frage stellen konnte. Wie diese Frage überhaupt seinen Kopf streifen konnte. Wie man sie aussprechen konnte.
“Aber ich war doch ein ziemlicher Vollkoffer damals” antwortete er, ein wenig entschuldigend.
“Ja klar. Aber weißt Du…” sie überlegte kurz. “Helena sagte damals: Der ist bekloppt. Echt. Der hat einen Knall in der Birne. Sagen die anderen auch. Irgendwas stimmt nicht mit dem. Naja und irgendwie hab ich Dich immer wieder angesehen und gedacht: Ja. Aber wer hat das nicht. Und dem sein Knall, der is doch meinem sehr ähnlich. Und so war ich eher fasziniert und das hat mich nicht losgelassen.” Sie hob die Hände entschuldigend in die Höhe, so als könne sie ja nichts dafür, dass sie ihn damals nicht in Ruhe lassen konnte.
“Das klingt jetzt auch nicht sehr überzeugend” sagte er. “Aber ein bisschen recht hast Du. Hatten wohl alle. Ich hatte ja auch echt einen Knall. Und hab ihn noch immer. Irgendwie.”
“Wer hat das nicht?” fragte sie.
Er nickte zustimmend. “Aber was war es? Was an diesem Knall hat Dich fasziniert?”
“Hm.” sie überlegte. “Da war immer etwas warmes in Dir. Du warst so cool. So arschcool. Du bist aufgetaucht und warst der Inbegriff von cool. Das war ganz cool. Aber da drunter, da irgendwo drinnen, da war etwas warmes und weiches. Das hast Du nicht zeigen wollen, aber wenn Du nicht aufgepasst hast, wenn Du mal kurz uncool warst, habe ich es gesehen.” erklärte sie.
“Da warst Du aber auch die einzige” sagte er.
“Ja, das hatte ich immer gehofft” sagte sie und schaute ihn etwas traurig an.
“Aber einmal, da hast Du mich stehen lassen. Das weiß ich noch genau”, lenkte er das Gespräch schnell um und zeigte mit dem Finger auf sie.
Sie schaute ihn fragend an. Belustigt.
“Da warst Du nur kurz da, das war als Du im Ausland warst. Du warst auf Besuch und angeblich mit irgendeinem Typen zusammen. Wir haben Bier getrunken – so wie hier und heute – und dann bist Du gegangen. Einfach so”. Er sagte das, als wäre er heute noch empört darüber.
Sie erinnerte sich. “Oh ja! Da war ich irre stolz auf mich! Endlich. Endlich nach all den Jahren hatte ich es geschafft Dir abzusagen, Dich einmal stehenzulassen, nachdem Du mich so oft stehen lassen hast. Oh das ging mir damals runter wie Öl. Oh ja!” Sie redete sich in eigene Verzückung und war noch heute etwas stolz darauf, diesen einen Abend Haltung bewahrt zu haben. Dann blickte sie ihn an. Das war jetzt fünfzehn Jahre her. Und wieder saß sie ihm gegenüber. Sah diesen Menschen und so viel mehr darin. Und wunderte sich darüber. Oder auch nicht. Und so ganz sicher war sie sich nicht, ob sie ihn heute wieder stehen lassen würde.

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