Tag 39 – Sonnenuntergang

“Was für ein traumhafter Sonnenuntergang!”
“Oder Sonnenaufgang.”
“Was?”
“Naja, wenn man einen Sonnenuntergang nur einen Moment lang betrachtet, könnte es genauso gut auch ein Sonnenaufgang sein.”
“Was redest Du da?”
“Na wer weiß denn schon genau, ob die Sonne sich jetzt in diesem einen Moment auf oder ab bewegt?”
“Aber das sieht man doch. In einer Minute ist sie schon weiter unten.”
“Jaja, deshalb sage ich ja: in diesem einen Moment.”
“Versteh ich nicht.”
“Na stell Dir vor Du wirst für einige Tage oder Wochen in einen Keller gesperrt und das Licht wird willkürlich an- oder ausgeschaltet. Du verlierst jegliches Zeitgefühl. Und dann kommst Du hinaus, die Sonne geht gerade unter aber Du schaust in die Ferne und denkst: Ah, die Sonne geht auf, der Tag beginnt.”
“Verstehe. Irgendwie.”

Sie schweigen. Blicken beide in die Ferne. Auf die Sonne, die untergeht und denken darüber nach, wie es wäre, wenn sie plötzlich wieder aufgehen würde. Oder stehen bleiben.

“Wie schön wäre es, wenn uns diese Sicht auf die Welt, auf die Dinge in jeglichen Bereichen im Alltag möglich wäre?”
“Was meinst Du denn jetzt schon wieder?”
“Naja, wenn wir einfach den einen Moment betrachten, ohne dabei die Vergangenheit mit im Boot zu haben. Oder schon halb in der Zukunft zu verweilen, nur weil wir wissen, was kommt.”
“Was?”
“Na wenn wir jeden Moment festhalten könnten wie die Sonne, ohne wissen zu meinen, ob sie auf oder ab geht.”
“Du redest Quatsch.”
“Die Sonne ist untergegangen.”
“Ja, die geht auch wieder auf.”

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