Tag 40 – Winter

Sie saß auf der Eckbank im Wohnzimmer ihres Elternhauses und starrte vor sich hin. Im Sessel saß ihr Vater. Er war wirklich alt geworden. Wirkte klein und zerbrechlich. Die Haut hing dünn über den alten Knochen. Auch er blickte stumm geradeaus. Wartete, dass sie weiterreden würde.
“Warum aus gerechnet er?” fragte sie ihn vorwurfsvoll.
“Das weißt Du doch genau” antwortete Vater leise. Er war müde. Vom Alter. Vom Kranksein. Und von ihrem Streit. Er wollte sich so gern freuen, dass sie da war. Dass sie hier auf dieser Eckbank saß, auf der sie ihre ersten Mahlzeiten selbständig gegessen hat, auf der sie Kunstwerke gemalt hat, über Hausaufgaben gebrütet, morgens stumm ihren Kaffee getrunken hat. Bis sie eines Tages nicht mehr dort gesessen hat. Seitdem hatte er sie so sehr vermisst. Und nun saß sie endlich wieder da und war wütend auf ihn. Er schloss die Augen und atmete tief ein.
“Trotzdem. Ausgerechnet er. Was ist mit Ingrid nebenan? Sie könnte sich doch genauso gut kümmern.”
“Sie hat ihr eigenes Haus und sie ist auch nicht mehr die Jüngste. Johanna glaub mir, ich habe wirklich alle Möglichkeiten überlegt.”
“Ich. Heiße. Marie.” sagte sie klar und deutlich.
Er zuckte zusammen.
“Kannst Du es nicht wenigstens versuchen?” fragte er vorsichtig. Bittend.
“Habe ich eine Wahl?” fragte sie.
Es blieb still. Die Wanduhr tickte und im langsamen Takt atmete er. Draußen an der Scheibe sah er die Eisblumen kleben, die sie als Kind so freudig bewundert hatte. Und wie jedes Jahr fragte er sich, wie oft er sie noch sehen würde. Die Eisblumen. Und Johanna, die jetzt Marie hieß. Und zum ersten Mal fühlte sich der Gedanke, dass es der letzte Winter sein würde, sehr leicht und erträglich an.

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