Tag 5 – Kurzhaarfrisur

Zart gebettet auf rotem Samt lagen die außergewöhnlich schönen Handwerkszeuge bereit. Relikte vergangener Zeiten. Im Hintergrund lief aus versteckten Lautsprechern die passende Musik dazu. Ein Hauch von Marlene Dietrich schwebte durch den hohen Raum und umhüllte im wandhohen Spiegel ihr Bild, dass ihr entgegen blickte. Die Haare sahen darin so zerzaust aus wie es nur im Spiegel eines Friseursalons möglich war. Das blanke Entsetzen der Kundin, die sich daraufhin butterweich den Händen jeder Friseuse hingibt und fleht: “Rette mich!”

Coco kam hinter einem Vorhang heraus mit einer Porzellantasse in ihrer knochigen Hand. Coco. Den Namen hatte sie sich teuer erkauft und trug ihn voller Stolz mit sich herum. Sie stellte die Tasse mit heißem Tee vor der Kundin ab und stellte ihre übliche Frage: “Was darf ich denn heute für Sie tun?”
“Ach, nur die Spitzen ein wenig bitte. Die Haare sollen wachsen.” Mit spitzem Mund nickte Coco, schaute hinauf zu Marlene Dietrich und lächelte verschmitzt.

Sie wusch der Kundin die Haare, vergrub ihre knochigen Finger im Shampoo und massierte die fettige Kopfhaut mit verzogenen Mundwinkeln. Dann rub sie ihr die Haare trocken und kämmte mit einem spitzen Kamm das nasse Haar. Endlich, endlich griff sie zu ihrem Lieblingswerkzeug, ließ ihre knochigen Finger in die silbernen Schlaufen der Schere gleiten und setzte an. Mit der linken Hand wanderte der Kamm durch das Haar. Mit der rechten schnappte sie zu. Hier ein Schnipp. Da ein Schnapp. Immer schneller ließ sie den Kamm durchs Haar gleiten, die Schere die Spitzen entlang schnappen. Bis sie endlich im Zustand höchster Erregung den Kamm hinter sich warf und mit der Schere kräftig ins Haar schnappte. Die Kundin schrie entsetzt ihrem Spiegelbild entgegen. Auf ihrem Kopf stand ein Haarbüschel, nicht länger als ein kleiner Zeh, frech in die Höh. Coco hatte die Haare einfach dort kurz über der Kopfhaut abgeschnitten. Sie rief laut “Oh! Pardon! Kann man nichts machen, muss alles weg!” und legte los. Den starren Blicken der Kundin trotzend schnappte sie mit der rechten Hand zack und schnapp und wirr durchs Haar. Sie lachte auf, warf Haarbüschel hinter sich, nickte mit dem Kopf zum klack klack klack der Schere und wippte auf ihrem Hocker auf und ab. Starre Schreie wollten der Kundin entweichen, doch ihr Körper gab nichts mehr her. Unter den fuchtelnden Händen von Coco wagte sie es nicht sich zu bewegen, geschweige denn aufzuspringen. So blickte sie ihrem zukünftigen Schicksal entgegen und seufzte leiser und leiser. Nach dem letzten Klack der Schere, das Haar wohlsortiert kurz auf dem Haupt der Kundin, fiel Coco von ihrem Hocker und begann laut und erregt zu lachen. Die Kundin sah sich entsetzt im Spiegel an. Langsam fuhr ihre Hand nach oben, berührte die viel zu kurzen Haarstoppeln, zuckten zurück bei der ersten sanften Begegnung. Dann noch einmal und noch einmal. Bis sie sich an die Berührung gewöhnt hatte. Und während Coco am Boden liegend noch immer lachte und laut seufzte, begann sie zaghaft zu lächeln und verfiel kurz darauf in ebensolches Lachen. Sie blickte zu Boden, wo lange, fade Haarfransen ihren Tod fristeten, dann wieder in den Spiegel, von wo ihr neues Ich ihr erstaunt und frei entgegen lachte.

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