Tag 57 – Weder hier noch jetzt

Sie öffnete das dünne Holzbrett, das als Klotür diente, und ging hinüber zum Waschbecken. Sie hielt die Hände unter den kleinen Wasserhahn, der kurz darauf kaltes Wasser ausspuckte. Dann blickte sie auf in den Spiegel und erschrak. Das war nicht die, die sie eben noch glaubte zu sein. Das war nicht die, die sie oben, im Lokal, vom Rotwein und Bier gelenkt seit Stunden vorgab zu sein. Das war vor allem nicht die, die er gesehen hatte, als er sagte: “Du hast Dich überhaupt nicht verändert.”
Sie hatte sich verändert. Sehr sogar. Um ihre Augen herum waren kleine feine Falten gewachsen, die sich nun fest aneinander hielten und vom Leben erzählten. Ihre Haut wirkte längst nicht mehr so gespannt und frisch, wie vor einigen Jahren noch. Obwohl ihr vor all den Jahren nicht aufgefallen war, dass ihre Haut straffer und jünger wirkte, als die von älteren Frauen. Ältere Frauen, wie das klang. Sie war doch längst keine ältere Frau. Sie war einfach nur eine Frau, die nun nicht mehr jugendlich und jung war. Aber alt war sie noch lange nicht. Doch was war man dazwischen? Zwischen jung und alt. Zwischen straffer Haut und Falten. Zwischen Piercings und grauem Haar. Zwischen Parties und langen Gesprächen? Sie fühlte sich verloren an diesem Abend zwischen ihrem alten Dasein und dem faltigen Jetzt. Fühlte sich nicht hier und nicht dort und wollte vor allem nicht, dass es aufhörte. Weil sie in der Vergangenheit Gefühle schlummern spürte, die sie ganz deutlich empfinden wollte. Weil sie im Hier und jetzt ein Selbst wahrnahm, von dem sie die letzten Jahre geträumt hatte, ohne es zu wissen. Sie war weder dort noch da. Aber da, wo sie war, fühlte sie sich wohl. Faltig und alt und jung zugleich. Sie wollte bleiben, nicht aufhören, die Welt stoppen, die Zeiger der Zeit in Beton einmeißeln. Und genießen was war. Dieses unklare Sein in einer Welt, die es draußen nicht gab.

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