Tag 65 – Kleckerburgen und Hühnergötter

“Es ist so schön hier gemeinsam mit Dir zu sitzen.”
“Ja”, antwortete er. “Das ist gerade wunderschön.”
Die Ostsee ist recht still heute. Den Sturm von gestern hat sie hinaus getragen und verschluckt.
Die noch warme Oktobersonne wärmt ihre Füße. Die Zehen stecken im Sand. Nicht zu tief, denn nur die zarte obere Schicht ist sonnenwarm.
“Weißt Du noch, wie wir als Kinder immer hier waren?”
“Ja klar. Wir haben ewige Kleckerburgen gebaut.”
Sie nickt. Spürt in ihren Fingern das Gefühl vom heruntertropfenden Sand.
“Das habe ich ganz vergessen. Wieso macht das heute keiner mehr?”
“Keine Ahnung.”
“Vermutlich weil es all die tollen Sandspielzeuge gibt. Heute kann man ja mit einem Eimer Sand eine fertige Burg bauen, wenn man ihn umdreht. Wie langweilig.”
“Uns war auch oft langweilig. Aber nie hier am Strand.”
Sie lächelt.
“Und Hühnergötter haben wir gesucht.”
“Und gefunden. Viele davon!”
Sie wühlt ein wenig mit der Hand im Sand herum. Aber hier hinten finden sich kaum Steine. Die sind alle vorn, vermischt mit den Muscheln, die die Wellen an den Strand treiben.
“Irgendwie haben wir es schon gut gehabt.”
“Wir hatten alles, was wir brauchten. Das glaubt nur heute keiner mehr.”
“Klingt ja auch doof. Wir hatten alles was wir brauchten.”
“Stimmt auch wieder. Aber wir hatten uns.”
Sie nickt. Dann schaut sie auf, hinaus auf die See, die still und leise ihre Wellen an Land spült und wieder zurückzieht. Eine Träne tropft in den Sand, der allmählich kühl wird, weil die Sonne weiterwandert.
“Es war schön, dich zu haben.” flüstert sie. Dann steht sie auf und geht. Dort, wo sie saß, liegen ein paar Grashalme flach. Der Wind haucht hindurch und rüttelt sie wach. Der Abend kommt.

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