creative writing

Tag 77 – Eines Tages

Als
die Angst
ihre Stacheln abgeworfen hatte
sichtbar war
unausweichlich vor ihr lag
ging sie darauf zu
betrachtete sie
tauchte ein
unter
und staunte.
Sie schwamm an der Angst vorbei
in neue Welten.
Und ganz unten
da,
wo es nicht mehr weiter geht,
fand sie die Angst
ganz nackt
leblos.
Sie nahm sie in die Hand
und trug sie hinauf.
Als Erinnerung.
An die Angst
Und daran
dass der Tag kommt
da man sie überwindet.
Eines Tages.

Tag 16 – Ewigkeit

Sie hatte sich schon immer gefragt, warum die Schneekönigin eigentlich Schneekönigin und nicht Eiskönigin heißt. Denn in ihrer Erinnerung an das Märchen von Hans Christian Andersen war ihr immer eher eisig zumute. Wie die kleine Gerda ihrem geliebten Freund Kai hinterherruft, während der mit dem Schlitten der eisigen Schneekönigin dahinsaust. Und wie sie ihn am Ende im Eispalast wiederfindet. Wo er stetig das Wort “Ewigkeit. Ewigkeit.” vor sich her sagt, während er versucht aus Eisstücken genau dieses Wort zu legen. Und wie am Ende dank Gerda sein gefrorenes Herz wieder auftaut und doch alles gut wird. Wie das im Märchen eben so ist. Und trotzdem hat sie jedes Mal aufs Neue mitgefiebert und mitgelitten.

Zumindest ist diese Version ihrer eisigen Schneekönigin die, die ihr im Kopf geblieben ist. Sie hat das Märchen oft mit ihrer Freundin als Hörspiel gehört. Auf einer großen Schallplatte. Die hatten sie auf den roten, tragbaren Plattenspieler gelegt und bis in alle Ewigkeit gehört. Dabei hatten sie gespielt, gebastelt, gemalt. So genau wusste sie das nicht mehr. Aber die Rufe Gerdas aus dem roten Kasten, das stetige “Ewigkeit. Ewigkeit.” von Kai waren ihr tief eingebrannte Erinnerungen.

Sie wusste nicht, warum ihr das ausgerechnet jetzt alles einfiel. Wo sie hier auf ihrem Platz am Fenster saß, in den nicht tauen wollenden Winter hinaus schaute, wo die ersten Knospen beharrlich mit dem nicht verschwinden wollenden Frost kämpften. Wo sie keinen Frühling mehr in sich aufleben spürte, der Frost sich bereits in ihre Zehen fest eingeschlichen hatte. Wo sie auf ihre ganz eigene Ewigkeit wartete. In der sie hoffentlich ihren Kai wiedersehen würde.

Tag 15 – Ist das Kunst?

“Is das jetzt Kunst?”
Sie verschränkte die Arme, legte den Kopf zur Seite und betrachtete eingehend das Bild an der Wand über dem Sofa.
“Sag Du es mir”, antwortete er.
Sie blickte ihn an, dann legte sie den Kopf zur anderen Seite und studierte weiter das Bild.
“Du bist doch hier die Künstlerin.” scherzte er.
Sie lachte. “Künstlerin, so ein Quatsch. Ich bin lediglich ein bisschen kreativ, das ist alles.”
“Aber Du verkaufst Deine Sachen und lebst davon. Hast Du mir vorhin stolz erzählt.” hakte er nach.
Sie spürte ein wenig zufriedenen Stolz in sich aufsteigen und hob den Kopf wieder gerade.
“Naja, also das hier sieht mir eher so danach aus als hätte jemand schwarze Farbe in weiße gekippt und umgerührt. Dann hat er es fotografiert und sich über sein Hoppala beim eigentlichen Vorhaben, eine Wand grau zu malen, sehr gefreut. Vielleicht ein bisschen zu sehr. Das kommt drauf an was er dafür verlangt hat.”
Sie wartete auf seine Reaktion.
“Ich habs geschenkt bekommen” sagte er still. “Wir haben es geschenkt bekommen. Und Anna hat es nach ihrem Auszug hängen gelassen.”
Sie nickte. Das Thema Anna war noch ein schmerzhaftes, das hatte sie heute Abend schon erfahren. Also sagte sie gar nichts darauf und nahm ein Schluck aus ihrem Rotweinglas.

Er vertiefte sich wieder in seine Plattensammlung, legte eine neue Scheibe auf, positionierte vorsichtig den Tonarm auf der Platte und lauschte den sich eindrehenden Tönen. Sie lächelte. Sie kannte das Lied. Sie hatte es von ihm kennengelernt. Vor all diesen vielen Jahren, die sie hier heute Abend schon vor und zurück durchreist waren.
“Hast Du eigentlich damals schon Kunst gemacht?” fragte er.
“Ich? Nein. Also nicht wirklich. Nur halt so Dinge ausprobiert. Aber eigentlich war Helena die Kreative. Sie hat mich immer inspiriert, aber hatte nie das Gefühl bei ihr mithalten zu können.”
“Du hast Dich oft hinter Helena versteckt.” Er warf diese Feststellung in den Raum wie einen Stock vor einen Hund, in der Erwartung er würde zuschnappen. Sie schnappte nicht.
“Was meinst Du damit?” fragte sie stattdessen und wusste doch genau, was er meinte.
“Naja. Wie soll ich sagen? Du hast ihr oft den Vortritt gelassen. Hast sie reden lassen, hast sie in den Vordergrund geholt und dich dahinter ins Eck gesetzt. Das fand ich immer schade.” Er blickte ihr direkt in die Augen und es durchdrang sie. Sie fühlte sich ertappt. Es fühlte sich an, als wäre Helena wieder hier im Raum. Und sie spürte diese alte Unsicherheit, die sie dabei immer empfunden hatte. Sie wusste auch, dass sie es nicht abstreiten musste. Dass er vollkommen Recht hatte.
“Hm. Aber sie war halt auch damals einfach aktiver, präsenter. Wo sie war, da war die Party.” Sie hob entschuldigend die Arme, als hätte sie ja nichts dafür gekonnt. Dann nahm sie einen weiteren Schluck Rotwein.
“Naja”, sagte er. “Aber erinnerst du dich an meine Party? Meinen 30er?”
Sie nickte. Und wie sie sich erinnerte.
“Da hat sie nichts gerockt. Da hat sie sich endlos blamiert.”
Sie raste zurück zu diesem Abend. Dem Abend, an dem Helena fest vorhatte, nicht nur die Party zu rocken, sondern auch das Geburtstagskind für sich zu gewinnen. Das ist ihr recht schnell durch ein paar falsche Sätze elendig missglückt und sie hatte sich dann vor Schreck ziemlich schnell ziemlich betrunken. Es wurde dann der Abend, an dem sie selbst aus ihrem Eck herausgetreten war und Helenas Schatten hinter sich geworfen hatte. Und sie erinnerte sich auch an all die vielen bunten Gefühle in ihrem Bauch, immer, wenn er sie angeschaut hatte.
Und auch jetzt schaute er sie wieder so an: “Das war der Abend, an dem ich dich zum ersten Mal wirklich gesehen habe.”
Bevor diese bunten Gefühle wieder in ihr aufsteigen konnten, nahm sie ihr Glas Wein und leerte es aus. So würde kein Platz sein für diese Emotionen in ihren Bauch zurückzukehren, hoffte sie.

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