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Tag 10 – Hinter Blech

Als sie die alte abgelegen Lagerhalle erreichten, wurden ihre Gespräche weniger. Sie blickte still aus dem Fenster in die dröge Landschaft. Er konzentrierte sich auf die holprige Straße vor ihm. Ein wenig im Nebel, fernab der Hauptstraße, leuchtete die rost-rote Blechfassade hinter kargen Sträuchern und Büschen hervor. Sie ahnten, was sie darin vorfinden würden. Sie würden lieber abbiegen und zurückfahren. Umwege nehmen. Stattdessen fuhren sie stumm auf die Lagerhalle zu.

Der Wagen hielt und fügte sich in die abgelegene Stille der Umgebung ein. Sie stiegen aus und ließen die Autotüren sanfter als sonst zufallen. Langsam, aber bestimmt gingen sie auf die Lagerhalle zu. Sie hatte die Hände in ihre Jackentaschen geschoben. Es war kühl an diesem Novembertag. Die Farbe der Wellblechfassade stand frostig vom Untergrund ab. Hier wurde schon lange kein Pinsel mehr geschwungen. Er konnte nicht anders, als an Farbzipfeln zupfen. Große Stücke lösten sich und brachen ab, es knackte. Sie erschrak und sah ihn mahnend an. Er steckte seine Hände in die Hosentasche um sich vor weiteren Untaten zu schützen. Immer wieder blickte er sich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Als ein Vogel aus dem Gebüsch aufflog, erschraken beide. Aus der Halle jedoch war kein einziges Geräusch zu hören.

Das Tor auf der vorderen Seite der Halle war geschlossen, doch an den abgesägten Grashalmen unter der Tür sah man, dass vor kurzem jemand hier gewesen sein muss. Die Klinke war ein Drehknauf, den man nach rechts drehen musste, damit sie das rostige Gefüge entriegelte. Es steckte kein Schlüssel und er war sich sicher, dass abgesperrt sein würde. Kurz hielt er inne, horchte noch einmal nach innen und legte dann die Hand entschlossen auf den Knauf. Er erschrak, als sich dieser einfach drehen ließ und die Metalltür sich bewegte. Er blickte zu ihr, sie zuckte mit den Schultern. Nickte. Er zog am Knauf, oben löste sich die Tür aus dem Rahmen, unten steckte sie noch ein wenig. Er zog etwas fester, es knarzte Metall auf Metall, dann flog die Tür ihm entgegen. Die Stille der dunklen Halle vermischte sich mit der stummen Umgebung außen. Ein zarter nebliger Lichstrahl wanderte nach innen, je weiter er die Tür öffnete. Gleichzeitig blickten beide nach oben, sahen, was sie geahnt hatten und atmeten tief aus.

Tag 7 – Warten

Der Mond lächelte dem Tag entgegen, wanderte über das Land und zauberte aus den Schatten der untergehenden Sonne eine wohlige Dunkelheit. Hier war er der König und die Stille sein bester Freund.
In dieser Dunkelheit saß Konrad, die Knie angezogen, mit den Armen umschlungen, vor seinem Haus. Die Zigarette hatte er aufgeraucht, ausgedrückt und säuberlich in den Garten der Nachbarin geworfen. Die würde sie morgen wütend aufheben und zurück werfen. Das war ihm egal.
Die Hitze des vergangenen Spätsommertages lag noch über ihm, die feuchte Herbstkühle kroch allmählich aus dem Boden zu ihm hinauf. Er wartete.
Wartete darauf, dass Ihr Auto aus der Dunkelheit auftauchen und die Straße hinauffahren würde. Dass ihr Lachen durch das Autofenster zu ihm strahlen würde. Dass sie aussteigen und sich zu ihm setzen, ihn umarmen und küssen würde. Doch es blieb still. Sie war schon lange unterwegs. Zu lange und erste abenteuerliche Gedanken liefen auf der Kinoleinwand in seinem Kopf umher. Er zündete sich eine weitere Zigarette an. Bei jedem Geräusch wandte er den Kopf zur Straße, doch es blieb dunkel und wurde wieder still. Stunden vergingen. Er schlang die Arme enger um seine Beine. Im Garten der Nachbarin bildete sich ein Getürm aus Zigarettenstummeln. Ein verrauchtes Stilleben.

Der Mond wanderte über ihm entlang und schaute besorgt auf ihn herab. Und als nach und nach alle Lichter in den Häusern erloschen waren, stand er auf und spürte, wie er zitterte. Er drehte sich um und vor dem Haus stand sie und lächelte ihn an. Sie hielt ihm die Hand entgegen und sagte leise: “Es ist kalt. Komm rein.”
Ein letztes Mal blickte er zur Straße. Nein, sie würde nicht wieder kommen.

Tag 5 – Kurzhaarfrisur

Zart gebettet auf rotem Samt lagen die außergewöhnlich schönen Handwerkszeuge bereit. Relikte vergangener Zeiten. Im Hintergrund lief aus versteckten Lautsprechern die passende Musik dazu. Ein Hauch von Marlene Dietrich schwebte durch den hohen Raum und umhüllte im wandhohen Spiegel ihr Bild, dass ihr entgegen blickte. Die Haare sahen darin so zerzaust aus wie es nur im Spiegel eines Friseursalons möglich war. Das blanke Entsetzen der Kundin, die sich daraufhin butterweich den Händen jeder Friseuse hingibt und fleht: “Rette mich!”

Coco kam hinter einem Vorhang heraus mit einer Porzellantasse in ihrer knochigen Hand. Coco. Den Namen hatte sie sich teuer erkauft und trug ihn voller Stolz mit sich herum. Sie stellte die Tasse mit heißem Tee vor der Kundin ab und stellte ihre übliche Frage: “Was darf ich denn heute für Sie tun?”
“Ach, nur die Spitzen ein wenig bitte. Die Haare sollen wachsen.” Mit spitzem Mund nickte Coco, schaute hinauf zu Marlene Dietrich und lächelte verschmitzt.

Sie wusch der Kundin die Haare, vergrub ihre knochigen Finger im Shampoo und massierte die fettige Kopfhaut mit verzogenen Mundwinkeln. Dann rub sie ihr die Haare trocken und kämmte mit einem spitzen Kamm das nasse Haar. Endlich, endlich griff sie zu ihrem Lieblingswerkzeug, ließ ihre knochigen Finger in die silbernen Schlaufen der Schere gleiten und setzte an. Mit der linken Hand wanderte der Kamm durch das Haar. Mit der rechten schnappte sie zu. Hier ein Schnipp. Da ein Schnapp. Immer schneller ließ sie den Kamm durchs Haar gleiten, die Schere die Spitzen entlang schnappen. Bis sie endlich im Zustand höchster Erregung den Kamm hinter sich warf und mit der Schere kräftig ins Haar schnappte. Die Kundin schrie entsetzt ihrem Spiegelbild entgegen. Auf ihrem Kopf stand ein Haarbüschel, nicht länger als ein kleiner Zeh, frech in die Höh. Coco hatte die Haare einfach dort kurz über der Kopfhaut abgeschnitten. Sie rief laut “Oh! Pardon! Kann man nichts machen, muss alles weg!” und legte los. Den starren Blicken der Kundin trotzend schnappte sie mit der rechten Hand zack und schnapp und wirr durchs Haar. Sie lachte auf, warf Haarbüschel hinter sich, nickte mit dem Kopf zum klack klack klack der Schere und wippte auf ihrem Hocker auf und ab. Starre Schreie wollten der Kundin entweichen, doch ihr Körper gab nichts mehr her. Unter den fuchtelnden Händen von Coco wagte sie es nicht sich zu bewegen, geschweige denn aufzuspringen. So blickte sie ihrem zukünftigen Schicksal entgegen und seufzte leiser und leiser. Nach dem letzten Klack der Schere, das Haar wohlsortiert kurz auf dem Haupt der Kundin, fiel Coco von ihrem Hocker und begann laut und erregt zu lachen. Die Kundin sah sich entsetzt im Spiegel an. Langsam fuhr ihre Hand nach oben, berührte die viel zu kurzen Haarstoppeln, zuckten zurück bei der ersten sanften Begegnung. Dann noch einmal und noch einmal. Bis sie sich an die Berührung gewöhnt hatte. Und während Coco am Boden liegend noch immer lachte und laut seufzte, begann sie zaghaft zu lächeln und verfiel kurz darauf in ebensolches Lachen. Sie blickte zu Boden, wo lange, fade Haarfransen ihren Tod fristeten, dann wieder in den Spiegel, von wo ihr neues Ich ihr erstaunt und frei entgegen lachte.

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