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Tag 14 – Schief

Schief
standen die Bäume hinter der Bank
auf der sie so oft gemeinsam saßen.

auf der ihr erster Kuss
ihre Herzen tanzen ließ.

auf der sie die Welt vergessen
und ihr Wir genießen konnten.

auf der sie in die Ferne träumen
und das jetzt auf Urlaub schicken konnten.

auf der die Menschen sie schief ansahen,
weil sie ihren Gram gegen die Welt nicht teilten.

Leise seufzend
betrachtete sie nun das Bild
das schief über ihrem Bett hing,
in dem er schon lange nicht mehr neben ihr schlief.

Schief
war ihr lächelnder Trost
auf diesem letzten Weg geradeaus.

Tag 11 – Öl auf Leinwand

Er hatte gesagt er würde sie malen. Groß. Auf Leinwand. Mit Öl und Pinsel. Erst war sie skeptisch. Sie? Groß? Auf Leinwand? Doch dann hatte er sie überzeugt und als sie das erste Mal zu ihm kam, da fühlte sie eine Mischung aus Vorfreude und Stolz in sich. Auf dem großen Polstersessel in seinem viel zu großen Atelier hatte sie dann Platz genommen. Er hatte seinen besten Kittel angezogen und neue Pinsel besorgt. Die Leinwand stand groß und auffordernd vor ihm. Sie saß erwartungsvoll auf dem Sofa und wusste nicht, wie sie den Kopf halten, wohin sie blicken sollte. Ob sie atmen durfte? “Sei ganz natürlich”, sagte er und versteckte seine Hand, die vor Aufregung zitterte, hinter der Leinwand.
“Was ist denn natürlich?” fragte sie.
“Rede einfach mit mir”, schlug er vor.
Und das tat sie dann. Sie redete. Unaufhörlich. Er nickte hinter seiner Leinwand zustimmend. Hin und wieder fragte er nach. Und hin und wieder schaute er hinter der Leinwand hervor, um neue Details von ihr einzufangen.
“Wie sehe ich aus?”, fragte sie.
“Umwerfend, wie immer.”
Sie lachte, warf die Haare zurück und setzte ihr schüchternes Mädchengesicht auf: “Ich meine auf der Leinwand.”
“Wunderschön.” sagte er still.
“Darf ich es sehen?” fragte sie.
“Erst wenn es fertig ist.”
Sie seufzte. Dann redete sie weiter. Und während sie redete und er zuhörte, während sie herumblickte und gestikulierte, stand er still hinter seiner Leinwand und vertiefte sich in das Bild von ihr, das er erschuf. So entstand eine Verbundenheit, die sich nur hier und nur zwischen dem Sofa und der Staffelei, zwischen ihr und ihm verstrickte. Vertrautheit hatte sich eingeschlichen und beide unsichtbar miteinander verwoben.
Nach jeder Stunde drehte er sich die Staffelei zum Raum hin, so dass er sie sehen konnte, wenn er daran vorbei ging. Manchmal strich er mit der Hand über ihr Abbild.
Sie eilte jede Woche die Stufen zu seinem Atelier hinauf, roch nach Sonne und Leichtigkeit und lächelte ihm aufgeregt entgegen.
Bis zu diesem einen Mittwoch. Als sie in sein Atelier trat und sofort verstummte. Weil es kühl war darin. Kühler als sonst. Weil kein Kaffeegeruch in der Luft hing. Weil es ruhiger war. Und weil er ihr nicht wie gewohnt entgegen kam. Sie rief seinen Namen und stellte fest, dass sie das noch nie getan hatte. Er fühlte sich schwer an in ihrem Mund. Wie ein zu großer Eiswürfel, der einem beim Trinken in den Mund gefallen war. Er antwortete nicht.
Sie suchte die Räume ab, doch er war nirgends. Im Atelier standen die Bilder wie gewohnt an der Wand aufgereiht. Die Staffelei an ihrem Platz. Alles war wie sonst.

Sie zögerte. Dann ging sie langsam um die Staffelei herum. Ihr Herz schlug laut, sie schloss für einen Moment die Augen. dann blickte sie auf. Blickte sich an. In Öl. Auf Leinwand. Groß. Sie atmete schwer. Schwankte und hielt sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund. Sie wollte schreien, aber es gelang ihr nicht.
Das Bild war perfekt gezeichnet. Jede ihrer Locken war genau dargestellt, die Narbe über ihrem rechten Auge. Doch es zeigte sie nicht hier in diesem Raum. Nicht hier auf diesem Sofa. Es zeigte sie blass und leblos. In einem Sarg.
In dem Moment hörte sie Schritte im Treppenhaus.

Tag 9 – Das kleine Mädchen

Sie blätterte durch die alten Fotoalben. Das transparente Papier zwischen den Kartonseiten knisterte in ihren Händen. Die Fotos waren teilweise schräg und schief eingeklebt, manche am Rand zackig oder an den Ecken rund geschnitten. Hier und da standen Orte und Jahreszahlen darunter, um der Erinnerung immer wieder nachzuhelfen. So spazierte sie durch ihre Kindheit. Blies zum fünften Geburtstag Kerzen aus, schaukelte in Omas Garten, hielt eine große Schultüte in der Hand und sah breiverschmiert frech in die Kamera.

An der Ostsee vergrub sie die Hände im Sand. Doch dazu fehlte ihr im Moment die eigentliche Erinnerung. Sie wusste, dass sie einmal an der Ostsee Urlaub gemacht hatten, aber es war zu lange her und scheinbar weit bevor sich Erinnerungen in ihrem Kopf festhalten konnten. Sie betrachtete das Bild, sah sich, sah den weiten Sand. Lange schaute sie auf das kleine Mädchen im Kleid, dass dort vertieft seine Welt entdeckte. Dass dort unbefangen und neugierig in das Leben hinaus trat und jeden Tag als neues Abenteuer begrüßte. Ihr Blick wanderte glasig vom Foto hinaus durchs Fenster in den nebligen Tag und betrachtete still das kleine Mädchen in sich. Irgendwo tief unter ihren Erinnerungen lief es noch immer neugierig und wild umher, doch es wurde zu oft zurechtgewiesen von ihrer großen Erwachsenenversion. Das große Mädchen, die Frau, die schon zu viel wusste, zu viel erlebt hatte, sich klug und weise fühlte. Wohin hatte sie all das getragen?

Sie schloss die Augen und kniete sich vor das kleine Mädchen, schloss es in die Arme und flüsterte: “Bleib frech und wunderbar!” ins Ohr. Und das kleine Mädchen antwortete: “Du auch.”

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