Still sein

Der schwere Nebel drückt die Äste des Nussbaums in den Boden. Wie ein Boxer seinen erlegenen Gegner. Ein Arm zum Sieg in die Höhe gestreckt. Nebelarm. Schallendes Lachen, das in der kühlen Luft dieses frühen Herbsttages verhalt. Der Jubel der Masse vom frostigen Boden verschluckt. In der Ferne hört man das Knattern eines alten Traktors. Jede Ausfahrt eingefräst im tiefen Profil seiner mannshohen Räder, die sich wehrlos drehen. Ein Hahn ruft mit der Stimme einer alten Kreissäge zum Aufstehen.

Neben dem vom Nebel erschlagenen Nussbaum neigt sich ein verwittertes Holzgestellt zur Seite. Parallelogramm nennt man das, sagt die Mathematik, die hier draußen nichts zu sagen hat. Im oberen Querbalken klagen rostige Haken ein Lied der Einsamkeit. Schon lange hat man hier keine Seile mehr eingehängt. Schon lange kein Mensch mehr sein Gewicht der Physik überlassen. Hölzern knarzende Melodien komponiert.

„Weißt Du noch, wie es sich anfühlt, auf einer Schaukel in den Himmel zu fliegen?“
Er zuckt mit den Schultern. „Vergessen.“

„So hoch und frei. Wie ein Vogel. Eine Schwalbe Richtung Süden.“
„Bin kein Vogel. Schon gar keine Schwalbe.“

„Der Drang zum Überschlag, im Bauch das Kribbeln auf dem Weg nach unten.“
„Wird mir schlecht von. Muss ich kotzen.“

„Den Kopf in den Nacken geworfen die Welt verkehrt herum betrachten. Wie sie so kopfüber auf uns zu saust. Und wieder weg. Auf uns zu, wieder weg. Der Rasen bedrohlich näher rückt. Das Haar sanft die Grashalme berührt.“
„Fällt mir der Kopf ab.“

„Und der Sprung ins Gras aus höchstem Schwung. Weit und frei.“
„Brechen mir ja alle Knochen.“

Stille. Nebliger Atem steigt durch die Zweige des Nussbaumes. Irgendwo in der Ferne ist das regelmässige Quietschen einer Schaukel im Wind zu hören. Wenn man genau hinhört. Ganz leise.
Der Traktor hat im Stall die müden Räder angezogen. Der Hahn seinen Auftrag beleidigt an klingelnde Wecker und Uhren übergeben.

Und der Alte steht noch immer still im Nebel auf der Wiese unter dem alten Nussbaum und diskutiert. Er redet mal laut und mal leise. Er brummt und gestikuliert seine faltigen Hände durch die Luft. Nur einmal noch Schaukeln. Hoch, bis in den Himmel. Ein Überschlag im Magen. Das sanfte Streicheln der Grashalme auf dem haarlosen Kopf. Der Sprung ins weiche Gras. „Ja! Ja! Ja!“

„Ruhe!“ brummt er. „Sei still. Bin viel zu schwer für das Stück Holz, die Beine zu steif. Viel zu alt für diesen Quatsch.“ Er hebt den Kopf vorsichtig hinauf in den Nebel, kneift die Augen zu kleinen faltigen Schlitzen und betrachtet den Holzbalken, die rostigen Haken. E zwickt im Herzen. Im Magen. Was kann schon passieren? Ein Beinbruch? Die neue Hüfte entzwei? Und wenn schon. Was wäre so schlimm? Wenn es doch nur Ruhe geben würde, dieses Kind, das in ihm tobt. Das hinaus will in die Freiheit. Heraus aus dem knochigen Körper, der sich wehrt, ein Kind zu sein. Ein Kind in sich zu tragen. Das Gemüt eines Kindes je gelebt zu haben. Der sich hingibt dem Verfall seines Selbst, jede Falte müde zählt. Wenn es doch nur still sein würde. Dann könnte auch er Ruhe geben und still sein. Endlich.

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