Gestern war ich in der Körperwelten Ausstellung. Ich erinnere mich noch daran, wie das aufkam damals, wie das neu und kontrovers war. Und ich noch dachte wie abartig das ist echte Leichen zur Schau zu stellen. Aber irgendwie ist Zeit vergangen und ich war plötzlich neugierig und wollte doch endlich wissen, was es wirklich damit auf sich hat.
Ich war tatsächlich positiv beeindruckt. Weil so viel mehr dahinter steckt. Weil man so viel über den Körper erfährt und die Ausstellung vor allem darauf ausgerichtet ist, dass man eben mehr auf seinen Körper, aber auch auf sich selbst achtet. Es geht um Balance, um Stress, um Glück. Alles umgeben von der Darstellung unseres Körpers bis in Details, die wir als Nichtchirurgen einfach nie sehen. Die Plastinate wirkten so künstlich, eben so plastisch, dass man fragen wollte: Sind die wirklich echt?
Am Ausgang stand eine große Wand mit dem Titel: Bevor ich sterbe, möchte ich… Es hingen Kreidestifte an der Wand und sie war bereits vollgeschrieben mit Dingen, die Menschen erleben und tun wollen, bevor sie sterben. Und natürlich habe ich mir diese Frage sogleich auch gestellt.
Als erstes kamen da sofort meine drei Kinder. Ich will sie aufwachsen sehen, will erleben, was sie mit ihrem Leben anstellen, will natürlich sehen, wie sie glücklich sind. Ich bin so voller Liebe für diese drei Nasen und ich will einfach noch so viel Zeit wie möglich mit ihnen verbringen.
Als nächstes kam mir der Bestseller. Ich will einen Bestseller veröffentlichen. Ich will nicht nur ein Buch schreiben, das hab ich schon. Ich will es veröffentlichen und ich will, dass es groß wird. Dabei geht es mir gar nicht ums Geld oder um den Ruhm, es geht mir darum, dass ich seit Jahrzehnten schreibe und Geschichten in mir trage, von denen ich will, dass die Welt sie liest. Ich schreibe eben nicht nur „für mich selbst“. Ich schreibe, weil ich Geschichten erzählen will und will, dass Menschen sich mit gewissen Themen auseinandersetzen. Da ist irgendein Nagen, ein Wissen in mir, dass die Geschichten gut und wichtig sind. Und ich weiß gar nicht, warum ich den Wunsch jetzt so erkläre, denn unsere Wünsche brauchen schließlich keine Rechtfertigung.
Aber es stimmt auch gar nicht, dass der Wunsch nach dem Bestseller als zweites kam. Das habe ich vorgezogen, weil ich, während ich vor der Wand stand, einen Wunsch immer wieder nach hinten geschoben habe. Obwohl er groß ist. Sehr groß und mir ist erst dann aufgefallen, wie groß er ist. Aber er erschien mir so kitschig. So offensichtlich. Und auch, weil ich nicht wusste, wie ich ihn formulieren soll. Denn die Wahrheit ist: Ich will einfach lieben und geliebt werden. Ich trage so viel Liebe in mir und die letzten Jahre waren, was das angeht, nicht wirklich zufriedenstellend. Ich war immer jemand, die in Beziehungen gern alles gibt, viel gibt. Aber nur, wenn es sich richtig anfühlt, wenn es sich vor allem so anfühlt, als würde etwas zurück kommen. In den Beziehungen, die wirklich wesentlich waren, habe ich – zumindest am Anfang – immer alles reingegeben. Und als ich dann die Kinder bekommen habe, hab ich mich natürlich erst einmal gefragt, wieviel Liebe man geben kann. Wieviel da in einem steckt. Ob es reicht. Aber die Wahrheit ist, dass da endlos viel Liebe ist, wenn man sich dem öffnet. Und das Gefühl ist wunderschön. Ich will auch gar nicht in ein Traurigsein versinken, weil ich gerade immer wieder einsam bin, wenn ich allein in meiner kleinen Wohnung bin. Vielmehr will ich mich auf das freuen, was kommt, auch wenn ich gar nicht weiß, was das ist.
Auch wenn mir diese Wand dort in der Ausstellung erst einmal kitschig vorkam, hab ich doch gemerkt, wie fundamental es manchmal ist, sich diese Frage zu stellen. Weil eben nichts Materielles da aufkam. Weil es den Fokus wieder wegnimmt von kleinen banalen Problemchen, die plötzlich in den Hintergrund rücken. Ich finde es wichtig, dass wir immer wieder fragen, was wir eigentlich noch wollen im Leben und was uns wirklich wichtig ist. Weil wir dazu neigen uns zu verrennen in Unsinnigkeiten. Oder in dem Streben nach Zeug, nach mehr, nach dem, was die anderen haben. Da ist so viel Reden von Manifestation und „Dream big“. Aber was ist das, dieser große Traum? Was ist es denn, was wir wirklich wollen? Es hat gut getan, sich diese Frage wieder wirklich einmal zu stellen.
Und Du, was willst du noch vom Leben?