Ich muss jetzt über eine Sache schreiben, die mich schon eine Weile beschäftigt und vor allem auch nervt. Nämlich die Sache mit dem Türrahmen-Effekt und der ADHS. Die haben nämlich nix miteinander zu tun.
Wenn man mal vorsichtig diese neue völlig explodierte ADHS Blase streift, wird man ja immer wieder mit so allerlei ADHS Symptomen konfrontiert. Und mir zieht es da manchmal alles zusammen, denn wenn man sich das anschaut, muss man sich nicht wundern, warum plötzlich jede/r Dritte denkt er oder sie hätten ADHS. Weil einfach wirr so viele Symptome durcheinander geworfen werden. Beziehungsweise werden sie aus dem Fokus genommen.
Eines davon ist jedenfalls dieses „Ich gehe in die Küche und vergesse, was ich da wollte.“ Kennen wir doch alle, oder? Eben. Hat nämlich wirklich nix mit ADHS zu tun. Das passiert auch denen, die nix mit Neurodivergenz am Kopf haben. Vielmehr ist das einfach der Effekt, dass man einen Raum verlässt und einen neuen betritt, diese neue Umgebung führt plötzlich dazu, dass man das, was im Raum vorher noch gedacht wurde, vergisst. Weil unsere Erinnerung in Szenen und nicht wie ein durchgehender Film organisiert sind. Deshalb hilft es auch manchmal (nein, nicht immer, ich weiß, leider) in den Raum zurückzugehen.
Man kann das auch eben unter dem Suchbegriff Türrahmen- oder Türschwellen – Effekt überall nachlesen. Hier zum Beispiel. Mit diesem schönen kurzen Fazit:
Fest steht: Unser Gedächtnis organisiert das Erleben nicht als durchgehenden Film, sondern eher wie eine Abfolge von Szenen. Manchmal hilft diese Ordnung dem Gehirn, die Welt übersichtlich zu halten, ja sich langfristig womöglich gar besser zu erinnern. Und manchmal sorgt sie dafür, dass unsere Pläne einfach an der Türschwelle hängenbleiben.
Es gibt so viele Menschen, die – wenn man ihnen von seinen ADHS Symptomen und Schwierigkeiten erzählt – sagen, dass sie das dann auch haben. Und deshalb muss man da eben aufpassen. So bin ich zum Beispiel – glaube ich – nicht schussliger oder unorganisierter als andere Menschen. Im Gegenteil, ich wage zu behaupten, dass meine Wohnung ordentlicher ist als die manch eines Menschen. Aber was ich eben nicht schaffe ist, Dinge an einen fixen Ort zu verbannen und immer dort vorzufinden. Es gibt Menschen, die stecken ihren Schlüssel beim Verlassen der Wohnung in eine Tasche ihres Rucksacks und hängen ihn beim Heimkommen an einen Haken. Ich suche beim Heimkommen alle meine Hosen- Jacken und Rucksacktaschen ab, bis ich den Schlüssel irgendwo finde und zu Hause gibt es einen Haken für ihn, aber da hängt er fast nie. Weil es mir unmöglich scheint, ihn immer gleich dort hinzuhängen. Ich kann auch den Einkauf in die Küche stellen und dort steht er dann. Manchmal bis zum nächsten Tag. Weil ich das jetzt im Moment nicht schaffe. Das ist nur total doof, weil da ja Sachen drin sein können, denen ne Kühlung gut täte. ich weiß das und dennoch… Jetzt kann man sagen „Na dann gewöhn Dir das halt an…“ Aber genau das ist es, was mit einem ADHS Brain einfach nicht funktioniert. Struktur und Routinen… wünschen wir uns, fangen wir immer wieder an, verlieren wir unterwegs. Und das ist belastend, weil es zum einen ja alle anderen schaffen irgendwie und wir zum anderen dadurch einfach auch immer ein bisschen Chaos haben. Wenn nicht sichtbar, dann im Kopf. Wenn ich wieder mit vollen Einkaufstaschen meinen Schlüssel suche und ihn unter drölfzig Eier- Und Milchpackungen im Einkaufssack ertasten muss. Wenn ich wieder Mozarella wegwerfe, weil er über Nacht aufgebläht ist. Wenn ich Meetings versäume, weil ich noch immer an ein „das schreib ich mir dann später auf“ glaube.
Ich glaube ich will einfach nur, dass wir aufhören, dass jede kleine Vergesslichkeit gleich als ADHS bezeichnet wird. Und ja, ich glaube auch, dass Unkonzentriertheit heutzutage ein viel größeres Thema ist als vor Smartphone Zeiten und das auch nicht unbedingt ein klares Symptom ist. Aber wenn ich bei einem Gespräch mit jemandem in meinem Kopf parall zwei weitere führe, schon über die Unannehmlichkeit der bevorstehenden Verabschiedung (sprich: muss ich dem jetzt die Hand geben, bussi bussi oder kann ich mich anders rausschleichen?) nachdenke und mir dabei einfällt, dass ich noch die Email für das Meeting nächste Woche ausschicken muss, dann könnte es eventuell sein, dass mein Gehirn eben doch ein bisschen anders tickt als das von anderen Menschen.
Der Türrahmen-Effekt ist zunächst einmal eine erfreulich demokratische Einrichtung. Man geht in die Küche und weiß plötzlich nicht mehr, warum. Dafür braucht man weder Diagnose noch Neurodivergenz. Eine Tür genügt.
Gerade deshalb ist der Unterschied wichtig. ADHS beginnt nicht dort, wo jemand gelegentlich den Schlüssel sucht. Es beginnt dort, wo der Schlüssel offenbar ein eigenes Leben führt, der Einkauf bis morgen in der Küche steht und Mozzarella geopfert wird, obwohl man selbstverständlich weiß, dass Kühlschränke erfunden wurden. 🦌