Gestern war ich wieder einmal auf dem Wiener Zentralfriedhof. Er ist so etwas wie meine Homebase geworden. Ein Ort, der irgendwie mir gehört. Ein Ort, zu dem ich gehe, wenn ich mit mir sein will, mit meinen Gedanken. Gestern war ich aber mit einer Freundin dort, mit der ich mich gern zum Spazieren treffe.
Und weil es der Ort natürlich irgendwie vor unsere Füße warf, redeten wir über das Thema Bestattung und die Begräbnisse, die hinter uns lagen. Ihre Mutter. Mein Bruder. Und wieder wurde mir bewusst, wie krass und heftig dieses Erlebnis für mein ganzes weiteres Leben war. Der riesige Sarg in der kleinen Kapelle, von dem ich nicht begreifen konnte, dass darin, nur wenige Meter von mir entfernt, der Mensch liegen sollte, der noch vor wenigen Tagen lachend neben mir saß. Die Trompeter am Grab, die das ganze in die Länge gezogen hatten, was ich unbedingt hinter mich bringen wollte. Die nicht enden wollende Schlange an Menschen, die uns kondolierten, mich umarmten, meine Hand schüttelten, bis ich am liebsten vor Erschöpfung eingeschlafen wäre. Diese unsagbare Angst, etwas falsch zu machen, weil ich nie zuvor auf einem Begräbnis gewesen war.
Meine Freundin fragte mich dann, ob ich nicht nachträglich noch eine Sterbe- und Trauerbegleitung machen könnte. Und tatsächlich habe ich mich damit schon oft auseinandergesetzt. Habe sogar überlegt die Ausbildung zu machen, weil ich ja weiß, wie wichtig so etwas sein kann. Vor allem, weil ich es nicht hatte. Und weil dazu natürlich auch eine gehörige Portion Selbstreflexion gehört. Aber dann habe ich weiter darüber nachgedacht, heute den ganzen Tag, der wieder einmal so grau ist, so schwer und leer. Nach all den fast 33 Jahren. Was soll ich einem anderen Menschen da noch erzählen, was kann ein anderer Mensch da noch zu mir sagen, was mir helfen könnte? Liegen die Wunden nicht viel zu tief? Habe ich nicht schon oft genug darüber mit irgendwelchen Therapeuten geredet in meinen Therapien? (Ich weiß es nicht einmal, weil es nie um diesen Tod ging, sondern immer „nur“ um mich, um mein Leben und meine scheinbare Unfähigkeit es irgendwie so richtig in den Griff zu bekommen).
Ich habe auch unzählige Szenen geschrieben, in denen ich die Momente erzählt habe, die sich in mir festgebissen haben. Es sind Szenen, die tatsächlich in der virtuellen Schublade meines Laptop-schreibtisches schlummern. Weil ich sie nicht für die Öffentlichkeit bestimmt halte, weil ich glaube, dass es die Öffentlichkeit überfordern könnte. Weil wir in unserer Welt nicht über den Tod reden. Über Trauer. Über Bestattungen schon gar nicht. Betroffen blicken wir zu Boden und wünschen uns „Herzliches Beileid“, ein Spruch, den ich schon damals absolut sinnlos fand. Er hat mir nie etwas gegeben und ich bringe es auch nicht über mich es anderen Menschen zu sagen, wenn sie jemanden verloren haben. Was ist ein Beileid überhaupt?
All das bringt mich wohl immer wieder dazu Bücher über diese Themen zu schreiben. Diese Fragen, diese Unfähigkeit unserer Gesellschaft damit umzugehen. Und vielleicht treffe ich damit nicht den aktuellen Büchermarkt. Aber ich habe noch nie den Zeitgeist getroffen, in der Mode bin ich nie aktuell, in der Musik manchmal gewollt 25 Jahre zurück und mein Handy ist nie das Neueste am Markt. Wieso also sollte ich Bücher schreiben, die die Leserschaft von morgen interessiert? Jetzt bin ich völlig im Thema davongedriftet.
Also nein, im Moment werde ich keine neue Therapie oder Trauerbegleitung anfangen. Werde mich weiter allein mit mir und diesem Thema auseinandersetzen. Werde durch diese dunklen Tage gehen. Weil ich in 33 Jahren eben auch gelernt habe, dass auch die ein Ende haben und ein neuer Morgen kommt. Und vielleicht, weil ich auch nicht glaube, dass sich etwas ändern würde. Weil diese Traurigkeit, das ewige Vermissen eines Lebens, dass nie in Fahrt kommen konnte, einfach zu mir und meinem Leben dazugehört. Der Tod, der an meiner Seite spazieren geht. Mein stetiger Begleiter. Irgendwie hat auch das etwas Vertrautes.