Ich will eigentlich gar nichts dazu sagen. Aber irgendwie kann ich es auch nicht lassen, etwas dazu zu sagen.
Ich war nie sonderlich politisch. Bei uns zu Hause wurde nicht über Politik geredet. Auch zu Wendezeiten nicht. Jedenfalls nicht mit uns Kindern. Die Erwachsenen unter sich schon, aber ich erinnere mich da nur an langweilige Abendessen, bei denen ich nicht so recht verstand, worum es ging. Im Grunde hab ich so die Wende miterlebt. Nicht so richtig verstehend, was da los ist. Außer, dass es den Westen dann nach und nach bei uns gab. Überraschungseier. Nutella. Die Bravo. Und dann das neue Schulsystem. Hastig mussten wir Englisch aufholen, von Russisch wollte keiner mehr was hören. Aus den Aluchips wurde die D-Mark. Aus dem Konsum wurden Supermärkte. Aus der SeRo Sammelstelle eine Apotheke. Die Parkplätze, auf denen wir früher Himmel und Hölle mit Kreide gemalt hatten, waren jetzt alle mit Westautos zugeparkt. Meine Mutter arbeitete nun in einer GmbH und nicht mehr beim FDGB.
Aber darum geht es nicht. Oder doch. Denn der Punkt ist: Aus dem Osten wurde der Westen. Es war keine Wiedervereinigung. Es war eine Überstülpung. Alles im Osten war plötzlich unbrauchbar. Grau und trist. Der Westen war gold. Und wenn wir über etwas redeten, was im Osten gut war (nee, es war nicht alles grau und beschissen), dann waren wir ostalgisch. Wir wurden belächelt für eine Vergangenheit, die unsere Identität war. Nicht, dass wir sie so und unter den Bedingungen wiederhaben wollten, aber wir wollten nicht, dass sie uns aus den Händen gerissen und wir dafür belächelt wurden. Aber es ging nie um die Menschen, nur um die Wirtschaft. Die wollte aber im Osten nicht in Schwung kommen. Weil halt nur Firmen kaufen und umwälzen eben nicht dauerhaft funktionierte. Außerdem führte dieser neue Kapitalismus dazu, dass wir vergaßen, was uns eigentlich ausmachte im Osten: Das Miteinander. Denn auch wenn die Spitzel unter uns waren, so gab es da ein Gefühl von Gemeinschaft. Ein Zusammenhalt. (es bleibt zu erinnern, wer 1989 gemeinsam auf die Straße ging). Doch ab jetzt ging es gegeneinander. Jetzt bespitzelten wir uns nicht mehr, wir beäugten uns neidisch. Wer hat jetzt was und wieviel davon? Das Gefühl von Gemeinschaft, an das sogar ich mich noch erinnere, war direkt nach der Wende weg. Ich weiß noch genau wie ich irgendwann dachte: Krass, ich weiß gar nicht mehr, wer da alles in diesem Haus (der Platte) wohnt. Früher kannte ich alle, konnte aufzählen, wer in welchem Stock wohnt. Plötzlich gingen da Menschen ein und aus, gegrüßt wurde sich kaum noch. Das war ein Lebensgefühl, das verloren ging ohne das man erklären konnte, warum.
Ich weiß gar nicht, warum ich das jetzt alles hier erzähle, aber ich glaube, dass all das damit zu tun hat, was heute in Sachsen Anhalt gewählt wurde. Seit der Wende war der Osten immer abgestempelt. Erst waren wir niedlich, ach so lustige Filme wurden über uns gedreht. Man hatte was zu lachen. Dann thronten wir mit hoher Arbeitslosigkeit, viel Kriminalität und Rechtsextremismus. Bald schon einem großen Anteil an den blauen Wahlergebnissen der Bundestagswahl. Dann hat man auf „den Osten“ hingehackt und mit dem Finger auf ihn gezeigt. Aber man hat nie hingeschaut, warum das da so ist. Und was es bräuchte, damit sich da etwas ändern kann. Und hier haben meiner Meinung nach alle Parteien versagt. Nur die blaue nicht. Die hat ihre Chance gesehen und zugepackt wie ein Gepard.
Auch ich bin heute fassungslos. Klammere mich an die 55 Prozent, die nicht so gewählt haben. Schüttle den Kopf und ärgere mich, dass wir jetzt noch mehr als „die da im Osten“ dastehen. Als die Nazis. Die Dummen. Und bin wütend auf die Regierung, die das bisher alles so hübsch ignoriert hat. Und natürlich bin ich sauer auf alle, die wirklich ernsthaft glauben, dass sich jetzt für sie irgendwas positiv verändern wird.
So, jetzt hab ich viel dazu gesagt. Es hilft nichts. Nur eins noch: Die Jugend hat mit 31.% die Linken vorn gewählt, die blauen auf 22%. Also irgendwo da drin ist Hoffnung. Ein Fünkchen. Ein Futzelchen.
Danke! Das sehe ich ganz genauso Nadine. Ich möchte die Überwachung und Einengung um Gotteswillen nicht zurück. Aber da waren doch Menschen, die ihren Weg gefunden hatten, ihre Art zu leben – und gesagt zu bekommen, dass da jetzt alles nichts mehr wert ist, dass eine andere Art zu leben viel besser und cooler sei, war nicht gut. Und dieses ’nicht gesehen werden‘ – ja ich glaube auch, dass das noch im Osten drin steckt und ein Grund für das Wahlergebnis ist. Ich fühle mich sehr hilflos, wenn da oben einer sitzt, der niemandem zuhört und die kleinen Leute verachtet. Und ich habe Angst. Und ich klammere mich an all die minikleinen Nettigkeiten, denen man so im Alltag begegnet, an engagierte Lehrer, an Freunde.
Danke Nadine, ich habe mir nie viele Gedanken darüber gemacht. So fand ich deine Erklärung sehr aufschlussreich und nachvollziehbar.