Ein soziales Dilemma

Heute fand am Institut mal wieder ein Sommerevent statt. Wie jedes Jahr. und ich hatte mich ein bisschen darauf gefreut. Denn die letzten Tage und Wochen habe ich viel im Homeoffice zugebracht. Wegen der Hitze und allgemeiner Urlaubssasison war ich überhaupt sozial sehr untätig. Das tut mir auf Dauer nicht gut, der Mensch muss unter Menschen. Hin und wieder jedenfalls.

Also hab ich den Kindervater gebeten heute zu übernehmen und bin in der Früh mal wieder ins Büro gefahren. Es war frisch draußen und ich war froh statt zu schwitzen mal sogar ein bisschen zu frieren. Außerdem freute ich mich mal wieder auf einen großen Schreibtisch, so mit Platz und großem Monitor. Dieses Herumgedaddel im Homeoffice… ach. Dann hatte ich aber viel zu viele online meetings. Ich weiß nicht, es macht einfach keinen Spaß immer nur über kleine quadratische Kastln miteinander zu kommunizieren anstatt einfach mal bei einem Kaffee Dinge zu besprechen. So in echt. Man merkt ich bin untersozialisiert.

Mittags ging dann das Fest los. Acht Forschungsgruppen haben aufgekocht. Ein Wettbewerb. Da riecht es dann den ganzen Tag überall nach verschiedensten Speisen und im Hof wimmelt es aufgeregt herum. Und pünktlich um 13Uhr gab es dann Essen. Jedes Team musste eine vegane, eine suchs-dir-aus Speise und ein Getränk zaubern und anbieten. Und da konnte man sich dann durchfuttern. Das ist an sich ganz wunderbar, es gibt vieles zu probieren und natürlich wird alles mit irgendwelchem Forschungszeug gemixt. Hier dampft flüssiger Stickstoff herum (ja nee, wenn er dampft isser nich flüssig, ich weiß, aber vorher, bevor er dampft…) Da gibt es blaue Getränke aus Reagenzgläsern.

Überall stehen also Tische herum, überall laufen Menschen mit Tellern und Getränken herum. Man versucht sich zu unterhalten und da ist dann bei mir schon recht bald die Energie aus. Denn es ist laut. Es finden rundherum Gespräche statt und ich mit meiner Unfähigkeit zu filtern, was nicht mir gehört, schwimme darin. Vom dauernden „Wie bitte?“ bin ich selbst bald so genervt. Ich bin voll vom vielen (guten) Essen und merke, wie ich müde werde und mich nach meinem Sofa sehne. Aber natürlich warten alle auf die Ergebnisse der Abstimmung. Aber die Auszählung mit Zettelchen dauert seine Zeit. Jedes Jahr gibt es ein anderes Bewertungssystem und scheinbar hat sich noch keines als wirklich effizient erwiesen. Dann endlich die große Ergebnisverkündung. Einer schreit über den Hof. Alle jubeln oder lachen. Es wird viel applaudiert. Viel zu viel. Die Lautstärke wird irgendwann unerträglich. Endlich gibt es die Trophäe, von der Werkstatt in 3D gedruckt. Natürlich. Und dann löst sich alles ein wenig auf. Die einen räumen zusammen. Die anderen feiern. In der Küche stapelt sich das Geschirr und davor tummeln sich Menschen, die sich darum kümmern. Schade, hier würde ich jetzt gern allein den Geschirrspüler bedienen, ein-und ausräumen und dabei nicht reden müssen. Aber es gibt nichts zu tun für mich, also nehme ich meine Fahrradtasche und radle nach Hause. Unterwegs ein Anflug von Enttäuschung und Traurigkeit. Weil ich nicht so ausgelassen feiern kann wie die anderen. Jedenfalls nicht dort. Weil mir alles so schnell zu viel ist. Und weil ich mich doch aber so sehr nach Menschenkontakt sehne. Nach echtem Kontakt, in Ruhe und mit Gesprächen, die fließen, die man nicht wie Schnipsel dauernd vom Boden aufheben muss.

Gestern Abend saß ich noch auf dem Balkon, hab in den Himmel geschaut und wieder darüber nachgedacht, ob das wirklich nur mein ADHS ist oder ob da nicht doch ein gewisses Futzel Autismus mit reinspielt, dass ich mich so schwer tue mit Menschen. So schwer Anschluss finde, oft so daneben stehe und das Gefühl habe, dass jetzt alle sehen, wie ich da allein herumstehe und nicht weiß wohin mit mir. Dabei ist doch jeder nur mit sich beschäftigt und vermutlich nimmt mich gar niemand wahr. Als hätte ich gestern schon geahnt, wie das heute laufen wird. Und tatsächlich denke ich mir oft, dass diese großen Events einfach nichts für mich sind. Aber das Alleinsein, das ist auf Dauer auch nichts für mich. Diese Einsamkeit, die mich umgibt. Und dieses Nichtwissen, wie ich da rausfinden soll.

Am Heimweg hatte ich heute wieder eine Idee, die schon änger in mir wächst zum Thema Femizide und wie man sie sichtbarer machen könnte. Weil es ein Thema ist, das mich sehr sehr beschäftigt. Und dann weiß ich nicht wohin mit der Idee, mir fehlen die Menschen dazu, denn das wäre etwas für 3-5 Personen, die da mitmachen. Also lege ich sie zu Hause wieder auf den Schreibtisch, hoffe, dass sie nicht verstaubt, die Idee. Und dass ich vielleicht noch einen Weg finde, um sie zum Leben zu erwecken. Gemeinsam. Mit anderen. Bis dahin… bin ich etwas ratlos.

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