Flashback 90er

Ich bin mal wieder auf einen Trend aufgesprungen. Den 90er Flashback Trend auf Instagram. Man sucht ein paar Fotos von sich aus den 90ern aus und bastelt ein Reel daraus. Irgendwie wollte meine überdrehte After-Barcelona-Laune gestern, dass ich das mache.

Dabei habe ich dann festgestellt, dass die 90er ein Jahrzehnt für mich waren, in dem so viele wesentliche Dinge passiert sind, man müsste sie eigentlich als das Jahrzehnt meines Lebens bezeichnen.

Am Anfang der 90er stand klar die Wende. Plötzlich war alles anders und in der Schule ging es drunter und drüber. Wir wurden in ein neues System geworfen, mussten schnell Englisch aufholen, Russisch wurde reduziert (hurra), Staatsbürgerkunde abgeschafft, Geschichte glattgebügelt. Und ausgerechnet kurz bevor wir endlich FDJler geworden wären, gab es die FDJ (Freie Deutsche Jugend) nicht mehr. Dabei hatten wir uns so auf die blauen Hemden gefreut.

Mein Bruder zog aus, ging zur Bundeswehr und war nur noch am Wochenende da. Bis er dann nach einem Jahr auf dem Heimweg verunglückte und nie wieder nach Hause kam. Eine Lücke in mein Leben riss, die immer da sein wird. Von da an war meine Kindheit schlagartig vorbei. Ich war sowieso schon 14, aber ich war noch nicht erwachsen. Doch in dem Moment war ich aus dem Schutz gerissen, der in so einer fragilen Lebensphase so wichtig ist. Zu Hause herrschte plötzlich eine unerträgliche Stimmung, ich konnte die Tatsache, dass er nicht mehr heimkommen würde, nicht begreifen und floh in die Schule, wo zumindest alles irgendwie wie immer war. Getrauert habe ich zu der Zeit nicht, denn damit wollte ich meine Mutter nicht belasten. Die Trauer kam später. Viel später.

Ich ging durch die Teenagerjahre, an die sich meine Erinnerungen mit Magenschmerzen vermischen. Ich war so unsicher, mir selbst so fremd. Fühlte mich ununterbrochen unwohl. Meine einzige Flucht waren die Musik und das Schreiben. Ich konnte mich im Grunge, im Goth Rock, im Emo und in allen Alternativen Sachen verlieren. Und ich schrieb meine erste Kurzgeschichte, die daraufhin in einer Anthologie veröffentlicht wurde. Sie handelte von Selbstmord, was mich unfassbar schockiert hat, als ich sie letztes Jahr nach all den Jahren wieder gelesen habe. Ich hatte nie vor mich umzubringen.

Ich war Teil der Schreibwerkstatt, die meine Deutschlehrerin gegründet hat und schrieb mich durch all meine Emotionen. „Schreibt doch mal was Lustiges!“ sagten alle und wir schauten sie alle an und wussten nicht, wie sowas gehen sollte.

Es kam der erste Kuss mit viel Aufregung im Sommercamp. Es folgte dann die erste große Liebe mit allen ersten Malen, die dazugehören. Erinnerungen, die ewig bleiben und die einzigen in dem Jahrzehnt, die richtig richtig schön sind. Dafür bin ich dankbar. Natürlich folgte der erste Liebeskummer, Trennung, neues Verlieben, heimliches Verlieben und das Verirren in Begegnungen, die nichts mit Liebe zu tun hatten.

Schließlich machte ich 1997 mein Abi, den Führerschein, fuhr zur Love Parade nach Berlin und ließ mir den Bauchnabel piercen. Und dann begann ich zu studieren, lebte plötzlich allein und auf mich gestellt in einer anderen, größeren Stadt. Ich war so einsam wie nie zuvor in meinem Leben. Und genau zu der Zeit holte mich die Trauer ein, die ich ewig nach unten gedrückt hatte. Ich schmiss das erste Studium verzweifelt hin und begann das zweite. Ich lernte endlich Freunde kennen, zog um, ging aus und auf Parties und lebte das Studentenleben in vollen Zügen. Ich ließ mir die Zunge piercen, saß verkatert in Vorlesungen und wachte in fremden Wohnheimzimmern auf. Ich ging auf Konzerte, ich rief die Feuerwehr, weil das Wohnheim brannte, ich flog zum ersten Mal mit einer Freundin in den Urlaub. Und dann zog ich in meine erste WG, dann in die nächste. Ich haderte mit mir, zweifelte, hatte nie genug Geld und wusste nicht wohin mit mir in meinem Leben. Ich ließ mir die Unterlippe piercen und begann meinen ersten Job in einer Kneipe. Hier fand ich sowas wie eine Familie, hier war ich immer, wenn ich nicht studierte und das war sehr oft zu oft.

Was für eine irre Zeit. Ich hab keine Ahnung mehr, wo ich das Silvester 1999 auf 2000 verbracht habe. Scheinbar war es im Vergleich zum Rest des Jahrzehnts völlig irrelevant.

Als ich gestern die Fotos durchgeschaut habe und bei vielen überlegt habe, ob sie noch 90er oder schon Anfang 2000er sind, fiel mir auf, dass ich viele Fotos aus der Schulzeit nicht mehr habe. Die habe ich tatsächlich alle mal weggeschmissen. Ganze Alben waren das gefüllt mit Erinnerungen, die Gefühle in mir hervorriefen, die ich nicht ertragen konnte. Diese Unsicherheit, dieser fehlende Selbstwert, dieses Verstecken hinter den anderen. Ich habe damals nie an mich geglaubt, nicht gewusst, wer ich bin oder werden könnte, was ich kann oder tun sollte. Ich bin einfach immer mitgeschwommen mit den anderen, die so cool schienen. Und ich denke, dass das Großteils die Pubertät ist, aber wenn ich heute meine Kinder anschaue, vor allem die Tochter, die nun 13 ist, dann bin ich froh, dass sie gestärkter wirkt. Vor allem fröhlicher. Und ich wünsche mir und ihr, dass sie da etwas selbstsicherer durchgeht und dann schönere Erinnerungen daraus mitnimmt.

In Sachen Aufregung und Veränderung sind die 90er wohl nur noch von den 2010er Jahren zu toppen. Drei Geburten, eine Hochzeit, der Einzug ins Wohnprojekt, eine Trennung, viele Ausbildungen. Dagegen wirken die 2020er Jahre völlig langweilig. Aber es ist ja auch erst 2026. Da geht noch was. Wobei das nicht unbedingt sein muss.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. amberlight

    Ich bin immer wieder über unsere Parallelen überrascht – Abi in Dresden 1996, drei Kinder in den 2010ern + Wohnprojekt … vielleicht doch mal ein Treffen bei unserem nächsten Wien Besuch (wo ich übrigens Silvester 1999/2000 verbracht habe)

    1. buntraum

      ach wie witzig. Ja, vielleicht beim nächsten Mal! Ach und in Dresden hab ich auch schon tolle Abende verbracht damals.

  2. amberlight

    Irgendwann und irgendwo klappt es bestimmt mal – ich freue mich drauf

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