Es hat sich schon fast zu einer Tradition entwickelt, dass ich an meinen Wochenenden allein auf den Zentralfriedhof fahre und dort herumspaziere. Angefangen hat alles eigentlich, weil mein Buchprojekt vom letzten Jahr viel mit dem Thema Bestattung und Tod zu tun hat. Da war die Anziehung irgendwie klar.

Aber der Zentralfriedhof ist irgendwie viel mehr als nur eine Referenz, die man für ein Buch studieren will. Allein die Größe, das Ausmaß, die Vielfalt der Grabanlagen dort ist so faszinierend. Ich liebe die Wildnis auf dem alten jüdischen Friedhofsteil. Die überwucherten alten Grabsteine zwischen den Bäumen. Ich liebe den kleinen, liebevoll angelegten buddhistischen Friedhofsteil. Dann natürlich die Ehrengräber der Musiker. Strauß. Beethoven, Schubert, Brahms. Die Ehrengräber all der anderen Bekanntheiten, nicht zuletzt Falco. Dessen Grab hab ich heute ausgelassen. Weil grad sein Geburtstag war, pilgerten da einige Menschen hin. Das war mir dann zu viel.
Stattdessen war ich heute sogar auf dem Babyfriedhof. Das schaffe ich nicht immer, das ist manchmal zu schwer. Heute ging es. Vielleicht weil noch genug Schnee lag, man nicht alle Gräber deutlich gesehen hat. Nur die vielen bunten Windräder, die sich dort ewig im Kreis der Erinnerungen weiterdrehen.
Ich liebe die Waldfriedhöfe, Naturgräber, wo man das Gefühl hat plötzlich mitten im Wald zu stehen, gar nicht auf einem klassischen Friedhof. Wo nur kleine minimale Schildchen oder Steine, kleine Bepflanzungen daran erinnern, dass auch hier Menschen begraben sind. Dazwischen laufen Rehe umher. Auch heute habe ich wieder eines gesehen auf der Suche nach grünen Büschen unter dem tauenden Schnee.

Hier kann ich abschalten. Runterkommen. Die Stadt draußen lassen. Mein eigenes Leben mal ausschalten. Meist komme ich hier raus um meine Buchprojekte zu plotten, zu überdenken. Denn ich kann nicht am Schreibtisch sitzen und denken, ich muss dabei gehen. In der Stadt zu gehen lässt mich nicht denken, da ist die Ablenkung zu groß. Also lieber mit der Straßenbahn eine halbe bis dreiviertel Stunde unterwegs und auf den Friedhof. Und dann einfach drauflos gehen. Mal links, mal rechts, immer wieder beeindruckt von den Weiten, den Wegen, den einzelnen Gräbern. Da gibt es die kleinen feinen und die großen Pompösen. Heute habe ich welche mit Statuen der Verstorbenen entdeckt, als wären sie große Präsidenten gewesen. Manche haben ihre Fotos auf den Grabstein graviert oder wie auch immer dort eingelassen. Mich fasziniert das, wie unterschiedlich die Menschen das handhaben.
Ich mache nur die Fotos von diesen privaten Gräbern. Es fühlt sich komisch an mir fremde Gräber zu fotografieren. Lieber wähle ich spezielle Details, die Natur, die Weite…

Und immer wieder komme ich zurück zur großen Kirche, die mir den Weg weist, die man von fast überall aus sieht oder zumindest erahnt.
Heute hatte ich anfangs Schwierigkeit mich auf mein Projekt einzulassen, die Gedanken auszurichten. Mir selbst die Fragen zu stellen, die ich beantworten muss, um weiter voranzukommen. Aber als ich fast schon aufgeben und wieder gehen wollte, kamen die Gedanken, hielten sich fest an mir und ich mich an ihnen. Und dann wieder die wesentliche Frage: Wo will meine Protagonistin hin, was ist denn wirklich wichtig in der Story? Also drehte ich noch eine Runde, ging doch nochmal hier entlang und dort. Machte nebenbei Fotos, beobachtete die Vögel, die in der Sonne den Frühling herbeiriefen. Einen wunderschönen Grünspecht habe ich gesehen, ich glaube, so einen habe ich noch nie gesehen. Ich wusste gar nicht, wie sehr ich mich darüber freuen kann.

Und während ich am Anfang unruhig und unzufrieden war und dachte: Nur eine kurze Runde, dann fährst du zurück in deine kleine warme Wohnung, so wurde es ein ausgiebiger Ausflug. Die Sonne schob die Wolken beiseite und hauchte mir Leben ein. So fuhr ich viel ruhiger und mit wärmerem Herzen zurück in die Stadt. Und ich bin sicher, dass ich in zwei Wochen wiederkommen werde, wenn der Frühling dort sicher schon sehr viel sichtbarer, spürbarer ist.
Ein wirklich bwsonderer Ort … ich war in meiner Wienzeit als typischer Tourist dort und von der Weite beeindruckt.