Leben im Nestmodell II

Letzte Woche, als ich in der alten Heimat war, traf ich mich mit meinem ersten Freund, meiner ersten großen Liebe auf ein (oder drei?) Bier. Ich bin froh, dass wir uns nach nun fast dreissig Jahren noch immer gut verstehen. Und es ist so leicht, weil wir uns nichts vormachen müssen, weil wir uns einfach kennen und nichts voneinander erwarten. Meist fangen wir sofort an zu quatschen und wandern so durch die Alltagsthemen. Und weil auch er in einer getrennten Patchwork Situation lebt, kam natürlich wieder die Frage auf, wie das bei mir hier mit dem Nestmodell so läuft. Die Frage wird mir immer wieder gestellt, weil es für viele noch immer ein neues, unbekanntes Modell ist, das selten gelebt wird, also erzähl ich mal wieder ein bisschen darüber.

Ich glaube das ganze Modell steht und fällt mit der Beziehung der Eltern zueinander. Für uns war von Anfang an klar, dass es uns vor allem um die Kinder geht. Wir wollten nie etwas auf ihre Kosten auskämpfen und haben das auch nie getan. Das war nicht immer leicht, weil natürlich vor allem am Anfang nach der Trennung Emotionen, Verletzungen und Gedanken im Spiel sind, die man dann mal schnell wegschieben muss, damit die Kinder da nicht reingezogen werden. Die man anderweitig klären muss. Aber das haben wir gut hinbekommen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich glaube auch nicht, dass ich das Modell am Anfang gewollt und gekonnt hätte. Zum einen wollte ich damals keine ganze Woche von den Kindern getrennt sein, zum anderen weiß ich nicht, ob wir dieses Modell auf die Reihe gekriegt hätten, als da noch unser eigenes Wirrwarr und unser individueller Schmerz zu frisch war. Ich weiß noch, dass ich ihn am liebsten erst einmal ein paar Monate nicht gesehen hätte. Aber mit Kindern geht das eben nicht. Da musste man schon immer mal wieder über die eigene Grenze hüpfen.
Aber jetzt war wohl die Zeit reif. Ich würde nicht behaupten, dass wir jetzt Freunde sind, aber wir haben einen sehr freundschaftlichen Umgang miteinander. Wir telefonieren jede Woche knapp eine Stunde und reden über die Kinder, was los ist, was organisiert werden muss, was uns auffällt, wie wir mit manchen Situationen umgehen, tauschen uns aus. Das tut gut. Natürlich gibt es auch an den Tagen dazwischen immer wieder Dinge zu klären, aber das meiste geht leicht über Whatsapp und weil er ja nur 100m entfernt wohnt, steht er auch schnell mal in der Tür. Gern schicken wir uns auch mal witzige Fotos oder Anekdoten von den Kids hin und her. Über ihren Blödsinn lachen wir noch immer gern gemeinsam.

Natürlich braucht es aber auch eine ordentliche Portion an Organisation, so ein Modell. Was muss geputzt sein? Was muss im Kühlschrank sein, wenn der andere „einzieht“? Letztendlich teilen wir uns ja auch sozusagen grad wieder ein Bett. Also ziehe ich montags das Bett ab, bevor ich gehe, lege mein Bettzeug in die Bettlade und lege ihm seins raus. Und er macht das umgekehrt. Wie groß darf der Wäscheberg sein, den man zurücklässt? Anschaffungen werden plötzlich wieder abgesprochen. Kosten müssen neu aufgeteilt werden. Und wenn ich montags in den Kühlschrank schaue und zig Artikel mit reduziert-Stickern drauf sehe, dann lache ich. Und er lacht manchmal über meine Anhäufung an Salaten und fragt mit lachendem Smiley, was mit mir los war im Supermarkt.

Und die Kinder? Die sind froh, dass sie nicht mehr hin- und herwandern müssen. Der Große wollte schon lange nicht mehr aus seiner Teeniehöhle weg. Hinzu kommt ja, dass wir hier in einem Wohnprojekt wohnen, wo die Kinder ihre Freunde haben und von denen nicht jedes zweite Wochenende getrennt sein wollen. Das wurde immer mehr ein Thema. Und jetzt sind sie einfach immer zu Hause. Und wer für sie hier ist, spielt keine so große Rolle mehr. Weil sie eh schon so groß sind, ihr Ding machen, viel in ihren Zimmern hocken. Und wir nur noch Personal sind. Na gut, wenn der Jüngste sich dann doch wieder abends zu mir ins Bett kuschelt, dann stimmt das wohl nicht so ganz. Und ich genieße alles daran.

Und so ziehe ich jeden Montag mit meinem kleinen Koffer durch die Stadt. Von hier nach da oder umgekehrt. Und entweder freue ich mich dann auf eine Woche mit meinen lustigen drei Nasen oder auf eine Woche ganz für mich. In jedem Fall freue ich mich. Und das finde ich ganz wunderbar.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. amberlight

    In unserem Hofprojekt gab es auch das Nestmodell, dass nun aber einseitig mit neuer Partnerschaft gekündigt wurde. Für die Kinder scheint es auch dort ein helfendes Konzept gewesen zu sein …

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