Seit drei Wochen betreuen wir jetzt die Kinder im Nestmodell. Eine Woche bin ich bei den Kindern in der Wohnung, die andere ihr Vater. In diesen anderen Wochen wohne ich in einer kleinen ganz eigenen Wohnung. Das ist überhaupt meine erste eigene Wohnung, weil ich früher nur in WGs gelebt habe. Dann mit dem Exmann. Nie ganz allein.
Ich war nervös. Nach fünfzehn Jahren Muttersein soll ich plötzlich jede zweite Woche gehen. Sie sein lassen. Loslassen. Das Bad an Emotionen war wellenreich. Bis die Stille kam. Weil sich plötzlich alles so richtig, so leicht anfühlte. Weil da plötzlich Freiheiten sind, die ich längst vergessen hatte. Es ist ja nicht so, dass ich das Alleinsein nicht kennen würde von den letzten fünf Jahren Getrenntsein. Wo die Kinder alle zwei Wochen ein paar Tage beim Vater waren oder im Sommer mal drei Wochen am Stück weg mit ihm. Aber dann wurde der Große größer und wollte nicht mehr so richtig, die freien Wochenenden wurden zu einer Mischung aus halb frei und halb Verantwortung. Und jetzt diese komplett andere Welt.
Es tut so unglaublich gut diese mentale Last mal eine Woche loszulassen. Auch wenn es dennoch immer Dinge zu klären gibt, vor allem jetzt zu Schulbeginn. Aber es tut auch gut, einfach das eigene Ding machen zu können, was auch immer das ist. Im Moment hauptsächlich Schreiben. Lesen. Recherchieren. Es tut so gut, ein wenig loszulassen. Da hinzuspüren, was einmal kommen wird. Wenn die Kinder noch größer werden, mich noch weniger brauchen, wenn sie mal ausziehen, weg sind, ihr Ding machen. Schon oft habe ich mich gefragt, wie das wohl sein wird, wenn man plötzlich so aus der Verantwortung geworfen wird. Wieder auf sich gestellt ist. Das darf ich jetzt vorfühlen.
Und es tut unglaublich gut bei den Kindern zu seinen in den anderen Wochen. Ganz für sie da zu sein, viel mehr DA zu sein, weil nicht mehr alles wie eine Last erscheint, sondern es auch Freude ist, Spaß. Lachen. Faxen machen.
Neulich wurde ich gefragt, ob das Leben mit den Kindern leichter wurde nach der Trennung. Und ich musste ganz ehrlich ja sagen. Denn so habe ich es empfunden. Weil plötzlich klar war, dass ich zuständig bin, wenn sie bei mir sind. Da waren keine Erwartungen mehr an jemanden anderen. Da ging es nur noch um uns – die Kinder und mich. Und jetzt ist es nochmal klarer. Das macht so vieles so viel leichter. Wir haben so ein Bild von den armen Scheidungskindern. Trennungskindern. Und ich will nicht absprechen, dass es für Kinder nicht immer leicht ist. Weil in unserer Gesellschaft die heile Familie mit Mama und Papa eben nach viel vor das Nonplusultra ist. Und sie das überall noch sehen. Aber ob diese Welt wirklich immer so heil ist und Mama und Papa immer so glücklich sind, wie es uns Werbung und Medien zeigen, ist fraglich.
Nicht zuletzt muss ich natürlich dankbar sein dafür, dass all das mit dem Exmann möglich ist. Dass wir diese Dinge gut auf die Reihe kriegen können. Dass er jetzt wieder teilweise in der Wohnung wohnt, aus der er vor nun schon fast sechs Jahren ausgezogen ist. Dass wir einen guten Austausch haben und in Sachen Kindern wirklich meist am selben Strang ziehen. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist.
Heute ist Sonntag. Morgen kehre ich ins Nest zurück. Da ist ganz viel Vorfreude. Und eine angenehme Stille und Leichtigkeit in mir. Und jetzt muss ich schnell noch ein paar tausend Wörter in den Laptop kloppen, weil plötzlich auch so viel Zeit zum Schreiben da ist. Der shitty first draft des Romans ist fast fertig und ich kann es selbst noch kaum glauben.