Musik fühlen

Durch Zufall (oder einen rasenden Skifahrer) bin ich jetzt an eine Karte für das morgige Grönemeyer Konzert in der Stadthalle gekommen. Ein lieber Gruß geht an die Nachbarin, die nun mit gebrochenem Bein auf dem Sofa bleiben muss. Gute Besserung!

Und jetzt höre ich schon den ganzen Tag die alten Scheiben von ihm rauf und runter und bin überwältigt. Nicht nur, weil die Texte noch immer besser sitzen als es Erlkönig und Zauberlehrling je taten. Ich fühle auch noch immer jede dieser Emotionen, die seine Musik in mir schon immer hervorgeholt hat. Und obendrein die Gefühle, die es mit sich bringt, wenn man plötzlich wieder in eine Zeit zurückgebeamt wird, die man wohl als Kindheit bezeichnen würde. Wo die Welt noch eine ganz andere war und man wohl von so etwas wie „alles war gut“ reden kann. Die „Sprünge“ kam 1986 raus, die habe ich noch immer auf Vinyl. Die „Ö“ kam 1988, die hatten wir dann auf Kassette und ich hab immer das Cover rausgeholt und 3km weit aufgefaltet und die winzigen Texte gelesen. Schriftgröße 3,4 oder so. Maximal 4. Selbst wenn ich, wie ich glaube, das alles vermutlich erst nach der Wende gehört habe, so war ich da immerhin noch nur zarte 11 oder 12 Jahre alt. Aber die Musik ist mir damals schon intensiv eingefahren.

Ich erinnere mich auch noch sehr gut, wie ich oft nachmittags daheim saß vor der Stereoanlage und eine Platte nach der anderen auflegte, der Musik lauschte, sie wirken ließ. Das war ne bunte Mischung, was da halt so rumstand. Nena. Madonna. Kim Wilde. Cat Stevens. Simon and Garfunkel. Creedence Clearwater Revival (es hat lange gebraucht, bis ich gecheckt habe, dass CCR das gleiche ist). Irgendwann wusste ich dann schon, welche Lieder gut waren, welche ich überspringen konnte. Und schon da begann es, dass ich Songs immer und immer wieder zurückspulte. Nochmal hörte. Und nochmal. Und nochmal. Weil ich sie immer wieder hören, aber vor allem immer wieder fühlen wollte. Weil ich immer schon so unendlich viel gefühlt habe. Und dafür liebe ich Musik, weil sie das immer wieder aus mir rausholt. Meine legendärste Kassette war wohl (neben den wundervollen Mixtapes, die ich geschenkt bekam, ach!) die, auf der eine Seite nur mit „The Unforgiven“ mehrfach hintereinander bespielt war und die andere Seite mit „And nothing else matters“. Damit hatte ich stundenlang Musik im Walkman ohne spulen zu müssen. Ach, ich klinge wie der ärgste Boomer, wenn ich das sagen: aber ehrlich: Das waren noch Zeiten!

Gestern hörte ich die letzte Sendung von „Kopf und Kragen“ mit Sven Regener und Leander Haußmann auf Radioeins (natürlich!). Und Leander Haußmann faselte sich immer wieder in Rage über Menschen, die seine Filme nicht verstehen, Musik nicht verstehen, Kunst nicht verstehen. Sven Regener hielt dagegen und meinte: „Es reicht doch, wenn man es fühlt. Man muss es nicht verstehen, aber fühlen. Dann ist alles gut.“ Und dafür habe ich ihn sehr sehr sehr gefeiert.

Und jetzt fühle ich mich durch all diese Alben von Herbert. Das passt heute gut, denn heute machen sich überhaupt wieder mal alle Emotionen in mir breit. Da war schon unsagbare Wut, aber auch tiefe Traurigkeit und Verzweiflung. Und dieses unsagbare Vermissen, das Grönemeyer immer wieder in mir hervorholt, weil ich die Musik auch so sehr mit meinem Bruder verbinde, der ebenfalls großer Grönemeyer Fan war. Der ihn nie live gesehen hat. Ich mach das jetzt dann für ihn mit. Zum zweiten Mal. Das erste Mal war vor gefühlt hundert Jahren in Hannover.

Aber auch wenn es manchmal anstrengend ist, so viel zu fühlen. Wenn man keine Olympia Siege sehen kann, ohne dass Tränen aufkommen, obwohl man sich nicht mal großartig für Olympia interessiert. Wenn man keine Berichterstattung über emotionale Filme hören kann, ohne zu heulen. Wenn man nie so recht weiß, welcher Trigger da draußen einen heute packt und dazu bringt, dass irgendwas innendrin weh tut. Ich möchte es nicht hergeben. Ich möchte immer lieber zu viel fühlen als wie ein Roboter durch die Welt zu gehen.

Und der Mensch heißt Mensch,
weil er erinnert, weil er kämpft,
und weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt.

Und weil er lacht,
und weil er lebt,
du fehlst.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Christian

    : Wenn man keine Olympia Siege sehen kann, ohne dass Tränen aufkommen

    hab letztens gelesen, dass so Tränen bei allem eine ganz gesunde Sache sind, weil man noch im Kontakt zu den Emotionen ist. Hab ich natürlich auch gern glauben wollen, aber … ach, ich finds plausibel.

    1. buntraum

      ja! absolut plausibel! Ich hab auch gelesen, dass Menschen, die Serien und Filme wiederholt sehen, emotional mehr „bei sich“ sind irgendwie. Weil sie halt wissen, was ihnen gut tut, was sie brauchen und sich das holen. klang irgendwie auch plausibel. Nehmen wir das mal alles so hin…

  2. amberlight

    Da hat die Konzertkarte ja genau die Richtige bekommen …

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