Aus der Schreibwerkstatt :: Unter Wasser

Impuls: einen Raum beschreibend der Figur begegnen. 

Hoch oben biegen sich schwere Holzbalken und tragen die ihnen auferlegte Last stumm. Auf ihnen tanzen kleine, schimmernde Sicheln. Reflexionen der wackelnden Wellen, die im gekachelten Becken unter den Balken schaukeln. So unterhalten sich die Wellen mit den Holzbalken und erzählen Geschichten, die sonst niemand zu glauben vermag. Sie winken gemeinsam dem Mond, wenn er am Abend in der Ferne durchs hohe Hallenglas scheint und den Sicheln weite helle Kleider anzieht. Sie verneigen sich vor den starr schwebenden Sprungbrettern, die die Distanz zwischen Wellen und Balken bewahren. Die der Höhe einen Namen geben und den Raum stetig vermessen.

Und erst wenn der Mond sich neigt. Wenn die Wellen aufgehört haben zu schaukeln und die Bretter in der Höhe schwankend schlafen, erst dann ist zu hören, was tief unter den Wellen, im stumm dösenden Kachelbecken, lebt.

Erst dann taucht sie auf, reckt ihren Kopf aus dem längst ausgeleuchtet geglaubten Scheinwerfer und genießt die leise schwankende Ruhe über ihr. Dann wärmt sie sich im letzten Glitzer des Mondes, bevor er ganz verschwindet. Und im tiefen Dunkel der Nacht taucht sie hervor, durchbricht die Stille, den Schlaf der Wellen und bringt mit ihrem zitternden Lachen die Holzbalken hoch oben zum Beben.

Sie lacht. Sie lacht unaufhörlich. Über die Menschen, die hier oben gegen die Uhr schwimmen. Über die Alten, die im Rhythmus zur Musik ihre müden Knochen gegen das trotzig schwere Wasser stemmen. Sie lacht über die ängstlich zittrigen Gesichter auf den Sprungtürmen, bevor sie wie nasse Säcke in die Tiefe fallen. Ungraziös und plump. Sie lacht über den alten Herren, der im Zuge seiner Züge Sätze formuliert, die er später zu Papier zu bringen nicht vermag, weil seine Erinnerung nicht reicht. Sie lacht über den Mann mit der Macht des schwarzen Trillerns im Mund.
Doch am meisten lacht sie über die Frau, die immer wieder übereilt aus dem Becken stürzt, auf rutschigen Füßen das Bad verlässt und in der Umkleidekabine in ihr Handtuch atmet, während ihr Herzschlag noch immer unter Wasser hallt. Weil sie im längst ausgeleuchtet geglaubten Scheinwerfer unter Wasser Augen gesehen zu haben scheint. Ihre Augen.

Augen eines Körpers, der sie nachts aus dem Schlaf in die tiefe Dunkelheit der Wellen trägt.

Aus der Schreibwerkstatt :: Zwischen Häfen

Impuls: zwischen alt und neu, auf neuen Wegen, den sicheren Hafen hinter sich lassend

Die letzten Monate waren durchtrieben vm Planen, von Aufregung und Vorfreude. Keine Zweifel, keine Angst. Nur ein innerer Trieb, den sie so noch nie erlebt hatte.
Doch je näher der Tag rückte, das Gehen, das Neue, umso mehr bekam sie zu spüren, was sie nicht wahrnehmen wollte. Traurigkeit, Verlassenheit, Angst und ein dunkles Loch im Kalenderblatt der anderen.
Ein letzter Dienst an der Bar. Abschied von zweiten Wohnzimmer. Das letzte gezapfte Bier, das schäumend ins Glas läuft. Geräusch der Erinnerung. Die Schürze, die sie abnimmt und ordentlich zusammengelegt in den Koffer packt. Ein Souvenir des zweifelhaften Glücks. Die Abschiedsfeier, die sie nicht gewollt hatte. Geschenke, die ihr das Herz beschwerten, zerbrachen. Und seine endlosen Tränen voller Verzweiflung und Angst, die sie nicht trocknen konnte, nicht auffangen wollte.

Und nun stand er hier auf dem Deck der Fähre und strahlte sie an. Und sie strahlte zurück und war glücklich und wütend zugleich. Umarmte ihn und lachte und trommelte innerlich mit den Fäusten auf ihn ein. Sie bremste Gedanken und Gefühle, um wieder einmal ihn zu schützen. Und sich. Denn sie war nicht gegangen und hatte gehofft, dass das große Gehen, die Abfahrt, ihr die Aufgabe nehmen und seinen Schmerz lindern würde. Immer weiter war sie gegangen und bis hierher gekommen. Und nun war er wieder – immernoch – da. Überraschung nannte er es. Und sie lächelte verfroren. Und die Ängste und Trauer, die sie nie gespürt hatte, die hier oben auf dem Deck, unten im Hafen und draußen auf hoher See schon bereit und scharf gespitzt auf sie warteten, mussten abtauchen und zurück in die Höhle der Zurückhaltung kriechen. Denn sie musste weiter spielen. Weiter ihre Vorfreude schlucken und den Teil der Reise, der wohl am gefährlichsten für ihr Herz war, halbfröhlich und unecht durchsegeln.

Drei lange Tage versank sie in dieser Zwischenwelt. War weder hier noch da. Zwischen Hafen und Hafen dem Treiben der See ausgeliefert. Konnte nicht sein und nicht werden. Und erst, als das Auto endgültig um die Kurve bog, sein gequältes Lächeln zum letzten Mal erschien und dann verschwand, da war sie da. Angekommen. Und wusste nicht, was das hieß. Weil sie keine Zeit gehabt hatte, sich darauf einzustellen. Und sie taumelte. Er hatte ein Stück Boden mitgenommen. Der Hafen wackelte. Das Schiff segelte schwankend davon.

Und sie spürte die Trauer aus ihrem Versteck kriechen, verpackt in Geschenken und Souvenirs der neuen Vergangenheit, klappte schnell den Deckel des Kartons wieder zu und ging hinaus. Hinaus in das Neue, von dem sie nicht mehr wusste, was es war, sein und werden sollte.

600 Wörter

600 Wörter an einem Tag. Das ist so gut wie nichts. Aber was ist schon Quantität. 600 Wörter sind 600 Wörter. Sie sind aus mir durch meine Finger aufs Papier getanzt. Und dort ruhen sie nun. zufrieden? Wer weiß.

Aber es gibt Tage, da tanzt gar nichts. Kein einziger Buchstabe. Da ist ein weißes Blatt ganz stumm. Kein Takt. Keine Musik. Kein Tanz.

Wie undankbar, wenn man meint, 600 Wörter wären nichts.

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