Die Tochter ist heute ins Sommercamp abgereist. Zwei Wochen, auf die sie sich schon so gefreut hat. Mit ihrer besten Freundin. Mit Schlafsack, Badesachen und dicken Pullis. Im Waldviertel ist alles möglich. Letztes Jahr hat es zwei Wochen geregnet. Dennoch waren diese zwei Wochen die besten ihres Sommers, hatte sie resümiert.
Mit einer dicken Umarmung habe ich sie am Bahnhof losgelassen. Umgeben von vielen anderen Kids und Jugendlichen, die vollbepackt in den Zug gestiegen sind. Und natürlich erinnert mich das alles so unendlich an meine Zeit im Sommercamp. 1993.
Wir hatten uns zu viert angemeldet ohne so recht zu wissen, was uns erwartet hatte. Meine Freundinnen A, G und S. Meine Mutter fuhr uns hin. Als wir ankamen, war die Vorfreude erst einmal eingebremst. Ein Dort im Nirgendwo. Holzbungalows zwischen Bäumen. Duschen und Klos ins alten Baracken. Ein altes Haus, aus dem ein Mann auf uns zukam, vor dem ich am liebsten davongelaufen wäre. Es war D, unser Campleiter. Er war der lustigste, den man sich wünschen konnte. Aber das wussten wir ja in dem Moment noch nicht. Als meine Mutter vom Hof fuhr, hätte ich am liebsten „Halt, nimm mich wieder mit!“ geschrien. Aber ich war vierzehn. Da reißt man sich zusammen.
Neben anderen Jugendlichen und einer Gruppe aus Polen fanden wir uns erst einmal ein. Wir bewohnten zu viert ein Zimmer in einem Bungalow, in dem zwei Stockbetten standen. In einem kleinen Zimmer daneben wohnte zwei der Polinnen, die so gut wie kein Deutsch sprachen. Sie aßen unentwegt Chicoree und in ihrem Zimmer roch es nach Meerschweinchen.
Aber dank D und seinen Freunden aus dem Jugendclub in der Nähe wurde es der Sommer meiner Jugend. Wir machten Ausflüge und hingen im Camp ab. Wir lachten so viel über die Witze von D., dass uns der Bauch weh tat. Wir lernten durch diese schrägen Typen aus dem Jugendclubso viel Musik kennen. Von Wizo über die Ärzte bis hin zu Sisters of Mercy. Bis dahin war unser Musikverständnis ja noch irgendwo hinter Alphaville und U2 versteckt. Und auch das Frühstyxradio haben wir dort entdeckt. Das fällt mir jetzt gerade ein, ach was hat uns das ewig unterhalten.
Und ja, wir versuchten auch mit den Polen in Kontakt zu kommen, aber deren Deutsch war so schlecht wie unser polnisch und auch die Tatsache, dass wir zu dem Zeitpunkt alle schon sechs Jahre Russischunterricht hinter uns hatten, half kein bisschen.
Und dann tauchte S. eines Tages auf. S war ebenfalls ein Freund von D, oder ein Freund seiner Freunde. Es waren so viele damals. Wir blickten nicht durch. S. war witzig und süß und ich war vermutlich nach drei Minuten in ihn verknallt. S. wurde mein erster Kuss. S. wurde mein erster ganz schlimmer Heartbreak. Denn natürlich kann das nicht gutgehen, wenn man mit vierzehn einen Jungen kennenlernt, der fast zwei Stunden Autofahrt entfernt wohnt.
Wir schrieben uns nach dem Camp noch lange Briefe. S. war absoluter Enterprise Fan und natürlich habe ich mir sofort täglich Mr. Spock und Co. reingezogen. ich habe lange an ihn gedacht. Von ihm geträumt. Geheult.
Ein Jahr später sind wir wieder ins Camp gefahren. Wieder war D. der Campleiter, der uns ewig zum Lachen gebracht hat. Wieder seine Freunde. Wieder neue Musik. Eine Gruppe aus Bulgarien, die kein Deutsch konnte. Herrje, wer hat diese Camps organisiert? Und natürlich tauchte am letzten Abend S. auf. Meine Freundinnen waren stinksauer, als ich wieder knutschend mit ihm in der Ecke stand. Wieder kurz davor, mir das Herz brechen zu lassen?
Aber als ich dann wieder zu Hause war, S. mir plötzlich wieder Briefe schickte und anrief, mich sogar besuchen wollte, da erkannte ich, dass ich ihm entwachsen war. Ich heilte meinen Liebeskummer, indem ich sein Herz brach. Wobei ich nicht sicher bin, ob es für ihn schlimm war, denn ich habe danach nie wieder etwas von ihm gehört.
Die Erinnerungen an das Camp sind noch so deutlich. Und wenn ich will, kann ich mich noch immer in diese Aufregung um S. hineinversetzen. Ist es nicht zauberhaft, dass es manchmal keine Fotos, keine Videos, nichts braucht? Dass all das in unserem Kopf gespeichert und jederzeit abrufbar ist?
Und ich bin überzeugt, dass diese Sommer auch stark meinen Musikgeschmack beeinflusst haben. Dadurch bin ich zum Punk und zum Goth gelangt. Von da zum Grunge, Emo, Indie… The list goes on.
Ich hoffe, dass auch die Tochter wieder einen wundervollen Sommer haben wird. Ohne Handy, das hat sie zu Hause gelassen, wofür ich sie sehr feuere. Offenbar weniger Regen. Und hoffentlich hoffentlich bloß keinen Heartbreak.
Und ich hoffe, dass S., wo auch immer er jetzt leben möge, glücklich ist. Danke für diesen ersten Kuss.
Vielen Dank für diese Erinnerung. Ich habe nur die Ferienlager Erinnerung, die schon etwas verschwommen ist. Aber der Sohn ist begeisterter Pfadfinder und liebt seine Lagerreisen.
Ja im Ferienlager war ich auch einmal, aber wie du sagst – die Erinnerungen sind nur noch sehr blass und wirr. Bis auf das blöde Neptunfest, das fand ich unerträglich. Hachja.