Schon interessant, wie man doch rückblickend eigentlich immer genau wusste, wo man falsch abgebogen ist im Leben, was man eigentlich gebraucht hätte, was eigentlich richtig gewesen wäre.
Aber ich bin ja auch so eine großartige Meisterin darin dieses Dinge zu ignorieren, selbst wenn mein Körper schon lange laut aufschreit. Ich weiß oft gar nicht, ob man es einfach nicht sehen will oder wirklich eine Weile zu blind ist. Alles andere einfach zu laut ist.
Heute früh saß ich mit meiner Kaffeetasse in meinem Lieblingssessel und wollte mir ein paar Notizen machen. Dabei fiel mir auf, dass das Radio nicht nur viel zu laut lief, sondern es mich regelrecht störte. Das Gequatsche. Die Werbung. Und auch die Musik. Ich schaltete es also ab, überlegte kurz, ruhige instrumentale Musik aufzulegen, aber ließ es bleiben. Stille, dachte ich.
Und dann war es wie ein zerfallenes Kartenhaus, das sich wieder aufrichtet. Alles, was ich im Moment will, ist Stille. Alles ist mir zu viel, zu laut, zu anstrengend. Und trotzdem komme ich nicht zur Ruhe. Finde keine Ruhe. Halte sie nicht aus. Also beschalle ich mich rund um die Uhr mit Input. Ich daddel am Handy. Spiele irgendwelche sinnlosen Spiele und höre nebenbei Podcasts. Muss dann immer wieder minutenlang zurückspulen, weil ich längst nicht mehr genau zugehört und den Faden verloren habe. Weil ich immer was tue dabei. Daddeln. Kochen. Aufräumen. Aber einfach sitzen und nichts tun, das gelingt mir nicht. Und je weniger mir das gelingt, umso weniger versuche ich es. In den letzten Wochen und Monaten habe ich viel zu wenig gelesen. Zu wenig bis gar nichts gemalt. Irre nur herum wie ein Tiger im Käfig. Suche Dinge zu tun, von denen ich zu schnell müde und erschöpft bin. Das ist längst nicht mehr nur die Eisenmangelanämie. Das ist chronischer Stille-Mangel.
Auf dem Weg ins Büro hab ich mir heute die großen Kopfhörer aufgesetzt ohne Musik einzuschalten. Einfach nur, um den Lärm der Welt ein Stück auszublenden. Kein Radio. Keine Podcasts. Keine Musik. Und es tat gut. Im Büro habe ich mir ruhige Arbeitsmusik aufgelegt. Und dann habe ich mir ein Stille Retreat rausgesucht und gebucht. Zwar erst für 2027 weil heuer schon alles ausgebucht ist. Aber ich freue mich trotzdem auf ein paar Tage Vipassana.
Es ist schon irre, wie wenig Zeit wir uns dafür nehmen einfach mal wirklich zur Ruhe zu kommen. Und es ist nicht mal so, als hätte ich die Zeit nicht. Ich nutze sie einfach nicht. Ich denke rund um die Uhr über Dinge nach, die sowieso nicht zu ändern sind, vergesse Dinge, die wichtig sind, bin überfordert von dem, was wichtig ist. Finde mich nicht mehr raus, bin gereizt und am Limit. Derzeit nerven mich alle Menschen, die näher als einen Meter an mich herankommen. Was das Fahren in den Öffis wirklich schwierig macht. Ich bin unmotiviert, weil mir alles zu anstrengend scheint. Selbst das Sitzen und Schreiben.
Genug gejammert. Input aus. Stille an. Und wieder mehr bei sich selbst einchecken. Denn in Wahrheit ist ja diese Dauerbeschallung oft auch nur eine Flucht aus sich selbst heraus.