Veränderung

In letzter Zeit habe ich (natürlich) wieder viel darüber nachgedacht, was einen guten Roman eigentlich ausmacht. Vielleicht liegt es auch daran, dass mir Instagram da immer die großen Weisheiten irgendwelcher Autor:innen in die Timeline spült, die einem sagen wollen, dass es darauf ankommt und darauf und darauf am allermeisten und wenn man das da nicht schon hat, braucht man gar nicht erst anfangen zu schreiben. Davon werde ich dann irgendwann bekloppt und wütend. Dann lese ich weiter meine Bücher, die ich so lese und denke mir: „Aber die haben das alle nicht so“.

Derzeit lese ich zum Beispiel von Haruki Murakami (große Verehrung!) „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“. Und jetzt auf Seite 100 merke ich, dass mir absolut nicht klar ist, was der inciting incident in dem Buch ist. Es ist mir auch egal. Weil mich die Geschichte und vor allem auch der Schreibstil schon abholen. Und auch in anderen Büchern kann ich diese angeblich wesentlichen Punkte eines Romans nicht immer klar erkennen. Und es ist mir egal. Denn worum es mir wirklich geht, ist (neben einem guten Schreibstil, da bin ich anspruchsvoll) vor allem auch die Atmosphäre. Und wenn ich mal so überlege, dann ist das auch genau das, was ich richtig gut beschreiben und darstellen kann. Weil ich auch immer Charaktere habe, die eine gewisse Atmosphäre mit sich bringen oder in eine hinein geraten. Murakami kann das auch großartigst. Oder Mariana Leky. Sally Rooney sowieso. Da ist man immer in einer Art Paralleluniversum. Das finde ich schön, weil es ein kleiner Kosmos im Großen ist, von dem erzählt wird. Und man dort alles fühlt und spürt und miterlebt.

Und was ich auf der anderen Seite so wichtig finde, ist die Veränderung der Figur im Laufe des Buches. Die ist vermutlich auch die größte Herausforderung, weil man eben nicht nur äußerliche Veränderungen schaffen kann und die Figur arrangiert sich, sondern meiner Meinung nach muss sich ja psychologisch auch etwas verändern. Das ist glaube ich mein größter Spielplatz. Denn wie wird eine Figur von frustriert und wütend zu ruhig, empathisch und ausgeglichen? Und im Grunde ist das ja eine Frage, der wir auch im realen Leben ausgesetzt sind.

Es gibt kaum etwas Langweiligeres als Menschen, die auf der Stelle gehen, die sich nicht verändern und nur erwarten, dass sich um sie herum etwas ändert. Die immer nur klagen und einem erzählen, was sie nervt, was sie stört, wo sie hinwollen, aber die die Schritte dazu nicht gehen. Und ich nehme mich da nicht aus. Erst unlängst stand ich in meiner Küche und hab mit mir selbst geschimpft und gesagt: „Nadine, keine Minute länger dieses Gejammer über diese eine Sache! Tu was dagegen!“ Und tatsächlich bin ich da auch sehr streng mit mir, vielleicht manchmal zu streng. Weil es mich nervt, wenn dieselbe Leier durchgekaut wird, sei es in meinem Kopf oder aus anderen Köpfen heraus. Wir müssen uns nicht alle selbst optimieren und besser schneller weiter kommen. Aber irgendwie muss es voran gehen. Sonst stagnieren wir nur und werden unglaublich unzufrieden, klagen nur. Und wer will ein Buch über solch einen Menschen lesen? Eben.

Im Moment hat mich mal wieder eine Winterdepression voll im Griff, die kommt öfter mal um diese Zeit, letztes Jahr war sie auch da, aber milder. Dieses Jahr kamen ein paar Umstände erschwerend hinzu und ich bekomme jetzt diese innere Schwere nicht aus mir heraus, finde keine Energie, keine Leichtigkeit. Lache wenig. Früher hätte ich mich damit in die Ecke gesetzt und auch heute ist mir oft danach. Aber ich weiß, dass mir das nichts bringt. Über so eine Person möchte man auch kein Buch lesen. Also nicht, wenn sich da nicht irgendetwas ändert. Und so versuche ich nun alles, was irgendwie geht. Ich suche Sozialkontakte, weil das Alleinsein das Schlimmste ist. Ich versuche Ordnung zu schaffen, weil mir das hilft mich selbst zu ordnen. Ich habe die Yogamatte wieder ausgerollt, weil ich so das Gefühl habe irgendwas für mich zu tun. Ich lese wieder Romane, statt Ratgebern, weil die mir nicht das Gefühl geben nichts auf die Reihe zu bringen. Ich habe neue Playlisten angelegt und bestückt. Und ich stoppe mich selbst, wenn ich merke, dass ich Gedanken zerkaue, die zäh sind wie Schuhsohle, weil ich sie schon drölfzig Mal zerkaut habe. Das würde für eine Romanfigur auch alles noch nicht reichen, aber in Romanen darf ja dann auch spontan etwas passieren, was diese Figur dann eben weiter stärkt oder fordert. Da wird mir auch immer wieder was vor die Füße geworfen.

Und es müssen ja nicht immer gleich die großen Veränderungen sein. Das kann uns sehr bremsen, wenn wir uns zu schnell zu großen Brocken widmen. Und ich halte auch gar nichts von diesen schlauen Sprüchen, dass man mehr davon oder mehr davon machen soll, wenn es einem nicht gut geht. Weil das nur Leute sagen, die selbst nicht wissen, wie besch… schwer es ist, sich aus diesen Tälern rauszukämpfen. Obendrein habe ich natürlich den Vorteil der Erfahrung, die mir sagt: Das wird schon wieder. (Sagt mir diese Plattitüde bloß nie, sonst werde ich verdammt wütend).

Und bis dahin arbeite ich an der Veränderung meiner Romanfigur. Die saß in der letzten Woche auch etwas einsam in der Ecke, weil ich in der Heimat war und in meiner Vergangenheit unterwegs, anstatt zu schreiben. Das war auch schön, aber auch schwer. Das ist auch immer so. Manche Dinge verändern sich eben nicht. Und das ist auch okay so.

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