Von Bergen und Tälern

Die besten Dinge in meinem Leben sind passiert, wenn ich meiner Intuition gefolgt bin. Einen ganzen Abend stand ich damals neben meiner ersten großen Liebe und habe gehofft, etwas würde passieren. Bis ich plötzlich einfach den Kopf auf seine Schulter legte. Daraufhin küssten wir uns. And the rest was history (it was the most beautiful first love I could wish for).

Als ich mich schon fast für Braunschweig als Studienort entschieden hatte (don’t ask, please!), dort auf Zimmersuche war, wechselte ich aus einer inneren Stimme heraus last minute nach Magdeburg (thank god!) und bin mir ewig dankbar, weil ich so auf fantastisch irre und schöne und wilde und laute und leise 6 Jahre dort zurückblicke. Erfahrungen, von denen ich keine einzige missen möchte. Noch heute denke ich: Braunschweig hätte mir all das nie geben können. Es ist quatsch, weil ich es ja nicht weiß, aber mein Bauch sagt noch immer, dass es so richtig war. Der Wunsch nach England auszuwandern kam auch plötzlich aus mir heraus. Und nachdem das geschafft war, wenige Wochen später die Sachen zu packen und nach Schottland weiterzuziehen, auf eine Insel, auf der ich niemanden kannte, das war ebenfalls ein innerer Ruf. Sechs Monate später stand ich vor der Wahl, ob Glasgow oder Edinburgh das nächste Ziel werden sollten. Ich wählte Edinburgh, obwohl ich in Glasgow bereits Leute kannte. Mein Bauch sagte mir: Da willst du hin. Auch das war genau richtig. Auf einer Party einen Mann anzuquatschen, der dann mein Ehemann wurde. Nach Wien zu ziehen. Alles intuitive Bauchentscheidungen. So auch die Trennung. Das neue Leben. Nichts davon war immer leicht, im Gegenteil, manches hat Panikattacken vorausgeschickt. Schlaflose Nächte. Ängste. Und immer war ich hinterher dankbar wenn ich auf diese innere Stimme gehört habe. Von der anderen Seite zurückgeblickt habe. Einen weiteren Berg erklommen. Ein weiteres Tal durchschritten.

Warum aber ist es, dass ich, wenn meine Intuition mir sagt: „Mach das nicht! Geh diesen Weg nicht. Du wirst dir selbst weh tun!“ ich ihn dann trotzdem gehe? Wieso schaffe ich es, meiner Intuition zu folgen, wenn sie mir den Weg zeigt, aber nicht, wenn sie sich mir in den Weg stellt? Wieso kehre ich nicht um, sondern schiebe sie beiseite und marschiere an ihr vorbei?

Diese Frage beschäftigt mich seit Tagen, seit Wochen. Meine Intuition scheint beleidigt, sie sagt mir gar nichts mehr, lässt mich erschöpft im Bett liegen, vernebelt mir die Aussicht auf bessere Tage. Die Tatsache ist, dass ich nicht mehr zurück kann. Ich kenne noch den Ausgangspunkt, weiß genau, wo die Intuition stand und mich gestoppt hat. Aber ich kann nicht zurück und mich selbst stoppen. Zeitmaschinen gibt es noch immer keine. Und ich bin sauer. Richtig sauer. Vor allem auf mich selbst.

Ich habe die letzten Tage viel gewütet, mit mir geschimpft weil ich so naiv war über Wochen hinweg. Immer und immer wieder. Kreise gezogen habe, noch immer ziehe. Bis zu einem Punkt, an dem ich dachte, dass ich verrückt werde, wenn ich nur noch eine Minute lang weiter schimpfe. Und mir Vorwürfe mache. Weil es sinnlos ist. Weil das Leben jetzt so ist, wie es ist. Eine weitere Erfahrung, die ich offensichtlich gebraucht habe. Und dann hat es geklickt.

Denn was ist, wenn die Intuition mich nicht wirklich stoppen wollte, sondern wenn sie gesagt hat: Pass auf dich auf. Aber gehe diesen Weg, denn da ist etwas, was du lernen musst. Was es ist, was ich lernen musste? Ich ahne es bereits. Und ich hoffe, dass die Lektion nachhaltig war. Denn mehr von diesen Erfahrungen will ich nicht. Brauche ich nicht.

Ich wünschte ich würde viel öfter meiner Intuition folgen. Ich bin überzeugt, dass sie immer recht hat und dass sie, je mehr wir ihr folgen, immer deutlicher zu lesen, zu verstehen ist. Dass sie uns gut leiten und lenken kann. Wenn wir sie lassen. Denn nein, auch wenn ich oben viele Beispiele aufgezeigt habe, in denen ich ihr gefolgt bin, so gab es genügend Situationen im Leben, in denen ich gegensätzlich gehandelt habe und dafür gestolpert bin. Und wenn wir immer wieder stolpern, aber nicht lernen, was wir lernen müssen, dann kommt sie eben irgendwann daher und sagt: Gut, dann eben auf die harte Tour. Zurückblickend war es genau das, was sie mit mir gemacht hat.

Ich hoffe, dass sich der Nebel bald lichtet. Ich denke an die Zeit letzten Sommer, als ich das Gefühl hatte, verstanden zu haben. Als sich alles leicht anfühlte. Als Dinge sich einfach gefügt haben, Dinge einfach so passiert sind. Es ist dieser leichte Übermut, der einen dazu bringen kann, der Intuition zu sagen: Ach jetzt geh mir doch mal aus dem Weg! Jetzt übe ich wieder mehr auf sie zu hören. Diese manchmal leise, viel zu leise, manchmal laute Stimme. So dass ich hoffentlich bald wieder sagen kann: Ein weiteres Tag durchschritten. Oder um es mit den Worten von Element of Crime zu sagen: „Ich will nie mehr so rein und so dumm sein wie weißes Papier.“

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