Heute war die Routine-Herzkontrolle des Großen. Fast sechzehn Jahre ist das nun her, diese wirre schlimme Zeit, in der ich das Gefühl hatte, ich würde dauerhaft an einer wankenden Boje hängen. Seit der OP im Oktober 2010 war sein Herz eigentlich immer okay und deshalb sind diese Kontrollen auch mehr und mehr ein Routinegang geworden für uns. Aber ich erinnere mich noch, als sie uns vor der OP immer sagten: Keine Sorge, so ein VSD Verschluss ist mittlerweile ein Routineeingriff. Das half mir nicht, denn die hatten ja vor meinem Baby die Brust aufzuschneiden und an diesem winzigen Herzchen zu operieren. Und jetzt bin ich es, die von Routine redet.
Heute dann also mit einem knapp Sechzehnjährigen, der größer ist als ich, in die Kinderarztpraxis. Das war schon niedlich, denn die Messlatte im Untersuchungszimmer endete bei 1,80m. Aber der Große nicht. 1,82m schätzten wir also.
Und dann die besondere Begegnung mit genau der Kardiologin, die ihn vor knapp 16 Jahren, an seinem 4. Lebenstag diagnostiziert hat. Ich weiß noch, wie ich da saß in diesem Krankenhaus, mein Baby, so klein und winzig versteckt in dem Kabelsalat seines ersten EKGs. Ich selbst noch halb im Kreißsaal, halb schwanger, in Tränen aufgelöst. Der nicht enden wollende Ultraschall. Kommentarlos, weil sie nicht reden, während sie schallen. Das habe ich dann im Laufe der Monate gelernt. Bis die Diagnose kam. Einerseits gut, weil nicht lebensbedrohlich und keine sofortige OP notwendig war. Dennoch niederschmetternd. Mein Baby und die Aussicht auf eine Herz OP. Das ist wohl das, was man Herzbruch nennen kann. Also bei mir. Aber wie schon erwähnt, es ist alles gut gegangen und der Große ist groß geworden, riesig, wundervoll und überhaupt. Die Kardiologin erinnerte sich nur noch an seinen Namen, aber nicht an seine Geschichte. Wie auch, für ihn war er ein Patient, für uns war sie monatelang die Boje im offenen Meer, an der wir uns festklammerten, wenn wir umkamen vor Sorge. Die uns immer mit einem Lächeln und elternverständlichen Worten erklärte, wie die Lage war. Die uns Medikamente erklärte und die Anatomie eines kleinen, nicht ganz perfekten Herzens.
Auch heute war wieder alles in Ordnung. Minimalste Abweichungen, die aber keinen wesentlichen Einfluss auf die Herzaktivität haben. Er darf alles machen, einfach leben. Nur Blödheiten soll er meiden, sagt sie. Wenigstens sagt das mal jemand anderes.
Wieder einmal bin ich dankbar. Dafür, dass die Kinderärztin das damals sofort gemerkt hat, dass wir von Anfang an gut betreut waren, dass wir in einem Land leben, in dem uns so eine OP nicht ein Vermögen kostet. Und dass alles gut gegangen ist. Und ich bin noch heute dem Kardiologen auf der Intensivstation dankbar, der zu mir sagte: „Wenn Sie heute abend nicht schlafen können, weil sie sich fragen, wie es ihrem Sohn hier geht, dann rufen sie uns an und wir sagen es ihnen. Jederzeit.“ Das war pure Menschlichkeit.
Man vergisst viel zu oft, was wirklich wichtig ist. Und das Herz, das ist so ein Ding davon.
Als ich neulich in der „Körperwelten“ Ausstellung war, gab es dort eine Infotafel über das gebrochene Herz Syndrom, das wirklich existiert. Und ich kann mir das gut vorstellen, denn so ein Herzbruch, der tut einfach auch anatomisch weh, das spürt man. Und dieses ständige Bedürfnis, tief Luft holen zu müssen.
Gerade versuche ich mein eigenes, leicht lädiertes Herz zu heilen. Das ist nicht leicht, wenn man da so im kalten Februar durch den Nebel sumpft und Fragen wälzt, die einem niemand beantwortet. Und es wenig gibt, das man tun kann, außer auf diese Zeit zu warten, die vergehen muss, bis es wieder besser wird. Bis der Nebel sich lichtet und Licht und Leichtigkeit zurückkehren. Darauf freue ich mich. Aber man hat ja schon viel Schlimmeres geschafft. Also wird auch das vergehen. Und wie nach einer durchsoffenen Nacht, denke ich mir: Das passiert mir nie wieder. Hahaha.
Es wäre schön, wenn es so einen Patch gäbe für kaputte Herzen, wie der Sohn einen auf seinem Loch hat. Unten sehr Ihr ein Foto, der kleine kreisrunde Ausschnitt rechts unten, der ist mit 15 Stichen auf sein Herz genährt worden. Auf das Loch. Das ganze Stück Stoff ist nur 5x5cm groß. Unvorstellbar, oder? (Und ein mega Dankeschön an die Assistenzärztin, die uns dieses Stück Stoff aus dem OP geschmuggelt hat, das wäre eigentlich medizinischer Abfall).

Passt auf Euch auf. Seid liebevoll zueinander. Und sagt Euch das auch hin und wieder, wenn Euch etwas wirklich wichtig ist. Ich finde, das machen wir alle viel zu wenig. Warum?
Das unsere großen Kinder fast gleich alt sind – meine Tochter ist vor zwei Wochen 16 geworden – hatte ich schon ein bisschen vergessen, aber eure Herzgeschichte nicht. Wie gut, dass alles gut ist … möge es sein Leben lang so bleiben.
hui dann mal noch schnell nachträglich Alles Gute zum 16. Geburtstag! Aufregend, dieses Alter. Und so schön auch!