Wann, wenn nicht jetzt?

Die zweite Nachricht über einen Todesfall im Freundeskreis. Diese noch erschütternder als die letzte.

Das sind Nachrichten, die sprachlos machen. Die so viele Fragen aufwerfen, für die es überhaupt nie eine Antwort geben kann. Wo nichts, wirklich nichts, was man zu sagen fähig ist, einen Sinn ergibt. Kein Wort. Kein Satz.

Im ersten Moment sind da Tränen. Weil die Erschütterung ja irgendwo hin muss. Dann so etwas eigenartiges, wie ein schlechtes Gewissen. Weil es mir ja gut geht. „Den anderen“ nicht. Dann diese Fragen, die über den Tag verteilt auftauchen. Darf ich lachen? Wenn andere in der tiefsten, unvorstellbarsten Trauer gefangen sind? Aber das wäre ja, als würde ich fragen: Darf sich mein Leben weiterdrehen?

Ich weiß noch, wie mir das damals so ging, als ich in der Schule war nachdem mein Bruder gestorben war. Irgendetwas im Unterricht war lustig und ich dachte „Wenn ich jetzt lache, denken alle, ich trauere nicht ausreichend.“ Damals war ich vierzehn. Viel zu schlimm, dass ich in dem Alter solche Gedanken haben musste.

Dann ist da der Wunsch, die Kinder zu umarmen. Sie festzuhalten. Auch wenn ich weiß, dass ich sie nicht beschützen oder halten kann. Aber es trotzdem zu wollen, für sie da zu sein. Dankbar für jeden Tag mit ihnen. Für jedes Lachen. Und dann dieses Lachen. Es ist etwas, woran ich mich bei meinem Bruder besonders erinnere. Manchmal frage ich mich, ob er deshalb auf dieser Welt war – um mich zum Lachen zu bringen. Das ist ihm gelungen. Aber sowas von. Noch heute bringt er mich zum Lachen. Es ist die schönste und deutlichste Erinnerung an ihn.

Draußen scheint die Sonne und das Leben geht natürlich weiter. Wie immer. Und alles, was ich heute tun kann, ist eben genau das zu spüren. Das Leben. Das Hier. Das Jetzt. Wir verrennen uns viel zu oft in Sinnlosigkeiten. In Ärgernissen und Meckereien. Wir stressen uns wegen Unsinnigkeiten. Wir rennen und rennen und rennen… wohin denn?

Öfter mal innehalten. Atmen. Staunen. Nach oben schauen. Lächeln.

Auch wenn es mir heute schwer fällt. Wann, wenn nicht jetzt?

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. amberlight

    Dankbar für deine Worte … ich wünsche ich dir Zeit zum trauern und zum heilen.

  2. Kattinka

    Wann, wenn nicht jetzt?
    Wo, wenn nicht hier?
    Wie, wenn ohne Liebe?
    Wer, wenn nicht wir?

    Der große Rio. Wahre Worte. Durchatmen und aufs Jetzt besinnen.

    1. buntraum

      ach ja, das ist mal wieder wie immer und immer wieder sehr passend. ❤️

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