Gestern wurde mir auf Instagram ein Video reingespült, wo als Catch stand, dass es eine Studie gibt, die besagt, dass Menschen, die an Misophonie leiden, einen höheren IQ haben. Spoiler alert: Das mit dem IQ tauchte im restlichen Video nicht nochmal auf. Und ich bin auch kein Fan von solchen random Aussagen.
Dennoch hat mich das Video beschäftigt. Denn was gesagt wurde, war, dass eben diese teilweise sehr aggressiven, heftigen Reaktion auf Alltagsgeräusche wie Kauen, Schmatzen, Schlürfen, Klicken, Nase hochziehen o.ä. ein Zeichen von einer stärkeren sensorischen Sensibilität sind. Wir (Misophoniker) hören diese Dinge nicht nur, wir können sie auch nicht mehr ausblenden. Diese „Übersensibilität“ ist ein Zeichen stärkerer kognitiver Verarbeitung im Gehirn.
Tatsache ist, dass mir gewisse Dinge im Alltag oft besonders auffallen. Wie Menschen auf andere reagieren, scheint mir völlig klar, weil Person A mit dem Blick oder dem Satz natürlich nur eben jene Reaktion von Person B auslösen konnte. Was Person B oft gar nicht versteht. Ich sehe sehr häufig sofort ganz klare Missverständnisse. Ich denke mir häufig in Situationen „Ja ist ja kein Wunder, wenn du so und so agierst…“ Ich möchte manchmal in öffentlichen Bereichen, in Arztpraxen, am Flughafen, in Büros die Abläufe verbessern, weil ich meine zu glauben, dass ich sehe, was wo ganz klar ganz schief läuft, weil… Und das ist vermutlich das, was eben diese ausgeprägte kognitive Denkweise ist. Ich will mich damit gar nicht über andere stellen und ich will auch nicht behaupten, dass alle Misophoniker (ich nenne die nur so, die heißen nicht wirklich so) kognitiv fähiger sind als andere. Das überlasse ich gern irgendwelchen (seriösen) Studien.
Aber ich hatte mal eine Sache am Laufen mit einem Mann, dem ich von der Misophonie erzählte. Er wusste nicht, was das ist, also erklärte ich ihm das. Daraufhin sagte er: „Naja, aber da muss ja jetzt nicht jeder drauf Rücksicht nehmen, nur weil Dich diese Kaugeräusche stören.“ Erstens hätte ich in dem Moment schon die Füße in die Hand nehmen müssen. Zweitens geht es ja gar nicht darum, dass alle Rücksicht nehmen sollen, wenn ich das erwähne. Ich will nur klarstellen, warum ich vielleicht bissl überreagiere, wenn neben mir jemand ne Packung Chips, Erdnüsse oder einen schnöden Apfel isst. Warum ich dann die Musik lauter drehe, mich weiter weg setze oder selbst irgendwas zu Essen hole. Ich wollte eine proaktive Erklärung liefern um spätere Kollisionen zu vermeiden. Er ging sofort in die Ablehnung und Abwehr. Das hat für mich deutlich gemacht, wie oft wir einfach so komplett aneinander vorbei reden und leben. Weil wir einfach so oft in die Abwehr gehen, wenn uns etwas fremd erscheint oder wir etwas nicht verstehen (wollen). Finde ich komisch, interessiert mich nicht, ist nicht mein Problem. Das macht es oft so schwer miteinander auszukommen. Wir interessieren uns so oft so wenig wirklich für die anderen.
Mir saß heute Früh in der U-Bahn eine ältere Frau gegenüber und ich merkte, dass sie sich irgendwann ihren Schal vor das Gesicht hielt und mich dabei anschaute. Sie deutete dann auf mich und auf ihre Nase und ich dachte schon sie würde meinen, dass ich schlecht rieche. Aber dann zeigte sie (zum Glück) nur auf den Kaffeebecher in meiner Hand und sagte, dass ihr von dem Geruch schlecht wird. Jetzt hätte ich natürlich sagen können „Jo, dann setz dich halt woanders hin.“ Aber sie hatte einen Stock bei sich und war eben nicht mehr die Jüngste. Also stand ich kurzerhand auf und ging durch das Abteil um mir einen anderen Platz zu suchen. Hätte ich auch nicht machen müssen. Aber ist es so schwer hin und wieder Rücksicht zu nehmen auf andere? Ich denke, dass wir viel zu oft durch die Welt gehen und erwarten, dass andere auf uns Rücksicht nehmen, wir aber nicht auf sie. Wir stehen mit großem Rücksack auf dem Rücken in der U-Bahn. Wir steigen aus und bleiben abrupt stehen, um zu schauen, wo wir hin müssen und alle dahinter laufen ineinander, weil es sich staut. Jeder muss unbedingt als erstes an der Rolltreppe sein, weil wir es alle so unfassbar eilig haben. Und am Flughafen jetzt bei den Flügen nach Barcelona und zurück… ach… Flughäfen. Der Alptraum der Menschheit. Wirklich.
Es frustriert mich zusehends, wie sehr wir Menschen uns immer weiter voneinander entfernen. Und ich glaube, dass die Handys da seeeehr viel dazu beitragen, dass das schlimmer und schlimmer wird. und ich weiß wirklich nicht, was wir tun können, um da wieder dagegenzusteuern. Oder ob es das braucht, dass das Pendel jetzt mal so richtig in eine Richtung ausschlägt, bis es knallt irgendwie und ob es dann nicht von ganz allein wieder zurück schlägt? Das sind Momente, wo ich merke, dass ich mich auf meine kleine Ebene hier auf der Erde zurückbeamen muss. Dass ich nicht die Macht habe die ganze Menschheit wachzurütteln. Das wäre aber auch sehr viel Gerüttel. Und ich müsste ja auch all jene rütteln, die sich gerade eine Karotte zwischen die Zähne schieben. Ach.
Ich erkenne in deiner Beschreibung einen Menschen in meiner Umgebung und ahne ein bisschen besser, wie es ihm damit manchmal geht …
ui, das klingt spannend!
Witzig ist ja, dass die Misophonie schon viel mit dem eigenen Wohlbefinden zu tun hat. An schlechten Tagen nervt sie mich viel mehr als an guten Tagen. Das machts natürlich für das Umfeld nicht wirklich leichter…