Auf Stelzen

Sie ging auf Stelzen durch den Garten ihrer Großeltern. Sie liebte die Stelzen. Das Großsein. Kannst Du noch nicht. Darfst Du noch nicht. Verstehst Du noch nicht. Diese Sätze machten sie wütend. Denn sie konnte viel. So auch das Gehen auf Stelzen. “Zeige ich Dir, wenn Du groß genug bist.” hatte ihr Opa gesagt. Also hatte sie sich die Stelzen selbst aus dem Stall geholt und so lange probiert, war so lange gestolpert, bis sie herausgefunden hatte, wie sie damit gehen konnte. Und nun ging sie. Tag für Tag spazierte sie über das Gras, bohrte Löcher in die feuchte Erde und ließ die Äste der Apfelbäume ihren Kopf streicheln. Dabei lächelte sie stolz und erhaben. Weil es sich anfühlte, wie die Hand ihres Großvaters, wenn er sanft ihren Kopf streichelte. Sie sich dabei klein fühlte. Streichelhaft. Lächelnd ging sie weiter. Bis sie fiel. Sie war so tief mit der linken Stelze in der Erde versunken, dass sie stecken blieb und fiel. Mit dem Gesicht direkt auf einen Maulwurfshügel. Braune Erdkrümel in ihrem Mund. Sie spuckte, atmete ein und spürte Erde in ihrer Nase. Rieb sich das Gesicht mit dreckverschmierten Händen. Tränen liefen ihr aus den Augen. Über die dreckigen Wangen wie heiße Lava auf kaltem Stein. So konnte sie nicht zurück. Sie würden lachen und bestätigt sehen, was sie behauptet hatten. Dass sie zu klein war. Recht hatten sie. Denn klein fühlte sie sich auch jetzt, wo sie da am Boden kniete, verdreckt wie ein Kind das sie war und nicht sein wollte. Das sie zu sein hasste, weil sie für nichts groß genug war. Und sich für alles Kleine zu groß fühlte. Weil sie schwankte zwischen dem, was sie war, was sie fühlte und dem, was sie sein wollte. Sie stand auf und nahm ihre Stelzen, trug sie zurück in den Stall und stellte sie vorsichtig an die Wand. Dann ging sie zum Brunnen im Garten und wusch sich das Gesicht. Das Wasser war kalt, eiskalt. So war auch ihr Blick. Ihre Wut, die innerlich dagegen brannte. “Blöde Stelzen.” hörte sie sich murmeln und erschrak über die Worte, die plötzlich echt und laut aus ihrem Mund kamen.

Den ganzen Tag hatte sie nicht geredet. War den Weg gegangen, der zu gehen ihr so schwer gefallen war. Und nun saß sie hier an diesem Brunnen, spürte das eiskalte Wasser auf ihrer Haut vermischt mit den Tränen, die nun wieder liefen. Endlos liefen. So wie damals, als sie hier saß und wütend war. Wütend und traurig darüber, dass sie so klein war. So nichts. Dass sie gleichzeitig so groß war. Nicht nur auf den Stelzen, die sie seit diesem Tag nicht mehr angerührt hatte. Sie stand auf und ging zum Stall. Die Tür klemmte und sie musste kräftig ziehen, bis sie sich knarzend öffnete. Rechts neben dem Lichtschalter standen die zwei langen Holzstiele mit dem Versatz, auf dem sie damals stand. So groß und doch so klein. Sie nahm die Stelzen und trug sie hinaus. Ein paar Mal blickte sie sich um. Niemand war da. Niemand konnte sie sehen. Als hätte sie es erst gestern getan, stieg sie auf die Stelzen und ging los. Sie spürte das alte Gefühl der Größe, der Höhe und roch das feuchte Gras von damals. Und als der Ast des Apfelbaumes ihr Haar streifte, begann sie erneut zu weinen. Denn es fühlte sich an wie die Hand ihres Großvaters, wenn sie sanft ihren Kopf streichelte. Und sie ärgerte sich, dass er sie nie so gesehen hatte. So groß, so hoch oben. Weil sie es ihm nie gezeigt hatte. Und weil es nun zu spät war. Weil sie sich vorhin für immer von ihm verabschiedet hatte.