Mitten in Berlin

Zwanzig Jahre waren vergangen und es hatte sich nichts verändert. Sie war wieder da. Hier. Daheim.

Ein fassungsloses Lächeln malte sich in sein Gesicht unterstrichen von leichtem Kopfschütteln. Die Arme von Gänsehaut überzogen starrte er auf diesen klapprigen alten Wohnwagen mitten in Berlin. Ein kaum merkliches Zittern. Sie war wieder da. Nein. Sie war da.

Er schob die Hände tiefer in die kaputten Hosentaschen und fühlte die kalte Haut seiner Oberschenkel an den Fingerspitzen. Ihre kindliche Stimme erklang in seinem Ohr wieder: “Wenn ich mal groß bin werde ich in einem Wohnwagen leben!”

“Das geht ja gar nicht!” hatte er besserwisserisch geantwortet. “Wenn man groß ist wohnt man in einem richtigen Haus mit richtigen Wänden, einem roten Dach und Fenstern mit so weissen Gardinen davor!”

“Niemals!” hatte sie gerufen und war zurück nach Hause gelaufen.

Jahre später hatte sie noch immer auf der Idee verharrt. Während eines Campingtrips an der Ostsee kurz nach dem Abitur hatte sie sich mit einem holländischen Ehepaar angefreundet und sie angefleht, eine Nacht in ihrem Wohnwagen verbringen zu können. Geerd und Irene aus Utrecht fanden die quirlige Jugendliche aus dem Osten unterhaltsam und überließen ihr für eine Nacht ihre kleine, viel zu enge Couch.

Eine entfernte Sirene riss ihn aus seiner Erinnerung und stellte ihn zurück an diesen verschneiten alten Grenzstreifen mitten in Berlin. Sie war wieder da. Hier. Mitten in Berlin.

Er fragte sich nicht einmal, wie oder wo sie diesen alten Wohnwagen aufgetan hatte. Wer Johanna kannte, wusste, dass sie alles immer einfach so fand, ihr alles irgendwo begegnete. Manchmal schien es, als würden die Dinge am Straßenrand hocken und auf sie warten. So, wie die alte Konsumwaage, die er oben über der Eingangstür des Wohnwagens am Dachfirst angebracht erkannte. Die hatte sie hinter dem alten Laden in der Mühlgasse gefunden, der kurz nach der Wende seine Fensterläden schloss und nie wieder öffnete. Es war auf dem Heimweg nach einer langen Nacht. Johanna kicherte viel. Ein bisschen zu viel. Sie behauptete, wenn sie nicht gleich eine Toilettenecke finden würde, gäbe es eine Katastrophe. In dem Moment war sie verschwunden und tauchte wenige Minuten später, noch immer kichernd, hinter der anderen Seite des alten Hauses, mit der alten Waage in der Hand, wieder auf.

“Schau was ich gefunden habe, lag da einfach so rum. Die muss doch uralt sein, Gewichte gibt es auch nicht mehr, aber da find ich mir schon was. Ein paar alte Steine oder so. Die ist doch genial, oder ? Und so schön!”

Johanna war im Oktober geboren und er zweifelte keine Sekunde daran, dass sie für das alte wacklige, rostige Metallgestell Verwendung finden würde.

Es wunderte ihn ebensowenig, dass sie die Waage nach so vielen Jahren noch besaß und als Aushängeschild ihrer astronomischen Eigenschaften am verwitterten Holz des Wohnwagens angeschraubt hatte. Es gab ihm ein wärmendes Gefühl, dass sie somit auch die Erinnerung an damals nicht weggeworfen hatte.

Weißer Nebel atmete aus seinem Mund, seine Füße wurden kälter und steifer, aber er wusste, dass es hinter diesen vier dünnen Wänden auf Rädern sicherlich warm und gemütlich war. Er sah eine kleine Kochplatte, in einer Nische verbaut, vor sich, Darauf ein alter Kessel. Dampfend. Gläser und Tonpötte voller Tee und selbstgesammelter Kräuter auf einem Regal. Die eigenhändig geformt krummen, kunterbunten Tontassen. All das gehörte zu Johanna wie dieser Schnee hier zum Winter, wie die Mauer zu Berlin. Sie war wieder da. Sie. Hier. Mitten in Berlin.

Noch konnte er sich aber nicht dazu aufraffen, an die dünne Glasscheibe in der Eingangstür zu klopfen und ihr nach so langer Zeit gegenüberzustehen. Stattdessen fror er weiter still und stumm, den Bildern in seinem Kopf folgend, im Schnee, an diesem Wintertag. Mitten in Berlin.

Er malte sich aus wie sie da stand, auf der anderen Seite des Wohnwagens, am Fenster. Ihre ewig kalten Hände eine warme Tasse Tee umschließend. Niemals würde sie durch das Glas in der Eingangstür schauen, von der aus sie ihn erblicken könnte. Sie hatte es immer vermieden, ihren Gegenüber zu sehen, bevor sie ihm wirklich gegenüberstand. An Bahnsteigen, Flughäfen, oder in Kaffeehäusern hatte sie sich immer hinter Menschen, Säulen oder Blumenarrangements versteckt, bis der andere direkt neben, hinter oder vor ihr stand. Begrüßungen und Abschiede waren ihr unangenehm, das betretene Lächeln von weitem, Augenkontakte, die man lieber vermied. So würde es sicher auch heute noch sein. Wahrscheinlich starrte sie lieber auf die von Graffiti entstellten Mauerreste des Grenzstreifens auf der anderen Seite, oder auf die roten Backsteinhäuser, die da eng aneinander gedrängt Rauch in den Himmel jagten. Nur ihr kleiner brauner Wohnwagen stand frei und atmend auf dem ehemaligen Grenzstreifen mitten in Berlin. War sie tatsächlich wieder da?


Januar 2011