#100daywritingchallenge

Tag 100 – Kommen und Gehen

Die Tür geht auf. “Ich hol mir nur schnell ein Bier.” ruft Falk und winkt cool mit der Hand zu ihr. Sie verdreht die Augen. Der schon wieder. Und wieso überhaupt immer ihr Bier in ihrem Kühlschrank? Wann hat er sich zum letzten Mal sein eigenes gekauft? Hat sie die fette Kohle auf dem Konto? Sicher nicht. Idiot! denkt sie. Da geht die Tür wieder auf. Falk zieht mit seinem, also ihrem Bier davon und gleichzeitig taucht die Alte von oben auf. “Mädchen!” sagt sie. “Mädchen!” und es klingt als wäre sie gerade vierzehn geworden und müsse sich nun mal die Welt erklären lassen. Dabei will sie gar nix erklären, die Alte. Will da nur sitzen und nicht allein sein. “Gib mir doch einen Schluck Eierlikör”, bittet sie. Und sie will ihn ihr gar nicht geben, weil die dann wieder ewig sitzen bleibt. Aber sie gibt ihn ihr, denn unhöflich will sie ja auch nich sein. Und mit ihr zu streiten ist vermutlich noch anstrengender als ihr einfach den Eierlikör hinzustellen und zu hoffen, dass sie bald genug hat. Die Alte hatte die Tür gar nicht richtig zugemacht. Deshalb steht Kalle plötzlich im Wohnzimmer und sagt: “Oh Eierlikör!” Dabei mag der auch keinen Eierlikör aber er ist eben auch einfach höflich zu der Alten. Hat man ja so gelernt. Zu den Alten ist man gefälligst höflich. Aber eigentlich is er nicht hier um Höflichkeitsfloskeln abzulassen. Vielmehr will er sich mal gehörig auslassen über seinen Kumpel Heinzi, der ihm schon wieder Geld schuldet. Der hat nämlich wieder so ein Ding am Laufen, der Heinzi, mit so einer Frau. Und für die braucht er nun ständig Geld. Dabei ist die Frau gar nichts für Heinzi, sagt Kalle. Aber weil Kalle eben nicht nur höflich, sondern auch ein guter Freund ist, hat er Heinzi die Kohle geliehen. “Die seh ich doch jetzt nie wieder. Das ist doch immer das Gleiche. Der kommt mir da wieder mit dem Gute-Freunde-Quatsch und keinen Cent seh ich mehr.” Er schüttelt den Kopf und geht an ihren Kühlschrank. Das nächste Bier weg. Warum immer mein Bier? denkt sie und wird allmählich wütend. “Du bist echt naiv, Kalle.” sagt sie. “Und gib mir gefälligst auch ein Bier!” ruft sie. Bevor hier der nächste auftaucht und sie wirklich nichts mehr abkriegt. “Du musst Heinzi mal wirklich auf die Schanuze fallen lassen. Der weiß doch gar nicht, wie gut er es mit dir hat.” Sie redet sich da in irgendeinen genervten Wahnsinn und merkt gar nicht, dass sie eigentlich von sich selbst redet. Sie ist ja auch zu gut. Da sitzt die Alte und schlürft ihren Eierlikör und Kalle nuckelt an seinem Bier. Und schon geht die Tür wieder auf. “Halli hallo!” ruft eine Stimme und sie spürt ein grummelndes Beben in ihr aufsteigen. Kalle wird das auch zu viel. “Ich muss dann mal!” ruft er ihr zu. “Danke für das Bier!” und weg ist er. Nichts für ungut, denkt sie und nimmt einen Schluck von ihrem. “Hey, ich wollt nur mal Hallo sagen. Haben uns ja lange nich gesehn und ich dachte ich schau mal kurz vorbei und frag wie es so geht. Ich bin ja viel unterwegs und wir sehen uns kaum aber so mal ein kurzer Tratsch unter Nachbarn, oder?” und während Annette redet und redet trinkt sie von ihrem Bier und der Schädel brummt weil jetzt Kalle nebenan die Musik aufgedreht hat. Annette faselt von ihren Kindern und dass Michi nie Zeit hat und sie weiß jetzt auch nicht mehr was sie sagen soll, hat ja eh schon alles hundertmal gesagt. Aber sie kommt immer wieder und redet immer weiter. Mittendrin steht die Alte auf und nimmt sich noch einen Eierlikör. Sagt nicht mal Bitte oder Danke und sie hat schon fast vergessen, dass sie überhaupt noch da war. Da ärgert sie sich. Freundlich bitten könnte sie ja doch, die Alte. Wäre ja auch höflich, wieso müssen sich immer nur die jungen Leute benehmen? Da kommt Falk nochmal rein und sie hatte ihn schon fast vergessen, da ruft er: “Du wir haben morgen Sitzung, kommst Du eh?” und sie erschrickt. Welche Sitzung schon wieder? Warum? Hat man hier nie mal seine Ruhe? “Ok ich schau, ob ich das schaffe!” ruft sie und tut so, als wüsste sie eh wovon er redet. Er winkt nochmal cool und schließt die Tür. Während Annette weiter auf sie einplappert überlegt sie die ganze Zeit, welche Sitzung Falk gemeint hat und dass sie doch genau weiß, dass am Zweiundzwanzigsten irgendwas war, das Datum sagte ihr doch irgendwas. Aber es will ihr nicht einfallen. Sie verspürt Hunger, aber wenn sie jetzt was zu Essen rausholt, dann will Annette auch was, dann wird sie die so schnell nicht los also trinkt sie schnell ihr Bier aus und wird müde. Und weil sie irgendwann nur noch gähnt und nicht mehr viel sagt schaut Annette auf die Uhr und springt auf “Jessas die Kinder!” ruft sie und saust davon und als sie draußen ist stürzt sie zu Tür und stemmt sich dagegen, damit keiner mehr rein kann. Keiner. Draußen klopft es, aber sie hockt sich hinter die Tür und lässt keinen rein. Sie klingeln und klopfen.

Der Klang der Zimbeln durchbricht das Rütteln an der Tür. Es wird still. Sie öffnet die Augen. Ihre Füße sind eingeschlafen, ihr Körper entspannt. Und in ihrem Kopf sitzt noch immer die Alte und trinkt Eierlikör.

Tag 99 – Tanz des Lebens

Da plärren die Vögel und die Sonne knallt laut gegen die Scheibe. Der Frühling ringt um jeden Zipfel Aufmerksamkeit und wirbt mit jeder Blume, jedem Grashalm um Anerkennung. Sie steht am Fenster und schaut ihm leise dabei zu. Atmet den Dreck des Winters ein und bläst ihn gegen das ungeputzte Glas. Der Kopf surrt, die Ohren singen schrille Töne und alles und ihre Augen gleichen schweren Gesteinsbrocken. Sie ringt um die Kraft, die sie stehen lässt, um den Mut, diesem Tag zu begegnen. Der Kaffee ist bitter und rast ungebremst in ihr Herz, wirbelt wild um sich wie der Frühling mit den Blüten, nur um der Stille ein Ende zu setzen.
Sie rückt den Kopf ein wenig zurecht und schiebt ihn durch ein frisch gewaschenes Shirt. Die Arme in die Höhe gestreckt und wieder fallen gelassen spürt sie den Nacken, die Schultern. Erweckt alle Ecken ihres Körpers und übergibt sie dem Frühlingswirbel auf der Welt. Springt kopfüber in die den Tag und den Sog des Tuns, der sie mitreißen wird. So wie er das immer tut. Jeden Tag. Jedes Jahr. Wenn der Frühling kommt und bald wieder geht. Wenn der Sommer hereinbricht bis die Blätter im Herbst zerbröseln, der Winter dunkle Stille über das Land jagt und alle warten auf die Blumen, jeden neuen Grashalm da draußen. Die Bäume um sich selbst kreisen und wachsen, so dass man es nach ihrem Tod fein sorgfältig abzählen kann. So wird auch dieser Tag am Ende ein Bett bereithalten, in das sie fallen kann, laut seufzend die wohlige Matratze unter sich spüren und der Dunkelheit der Nacht entgegen träumen wird. Jeder Tag ein Kreis, der den nächsten berührt, in sich verschließt weil die Vergangenheit mitgeschliffen wird in jedes Morgen und beide um uns herum wirbeln während wir im Jetzt umherschweben. Immer hoffend, dass wir den Takt finden und im Rhythmus des Lebens auf Füßen träumend mit diesen beiden dahintanzen.

Tag 98 – Zwischenräume

Zwischenräume
sind die wahren Zauberblicke.
Das sind
die magischen Momente zwischendurch,
die man fast nicht bemerkt.
Das sind
die Atemräume
zum wieder zu sich finden.
Das schlichte weiß
zwischen all der irren bunten Informationsflut.
Der blaue Himmel
zwischen Geäst.
Der stille Moment
zwischen heute und morgen.
Zwischen eben und gleich.
Also eigentlich:
das Jetzt.

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