Tag 18 – Zwischen den Welten

Auf dem Weg vom Bahnhof zum Fakultätsgebäude blieb sie unter dem großen alten Kastanienbaum stehen. Die späte Herbstsonne leuchtete durch die bräunlich-gelben Blätter. Am Boden lagen Kastanien herum. Manche waren noch in ihre stacheligen Schalen gehüllt, manche lagen nackt und zum Angreifen verführerisch herum. Sie wählte eine, die noch halb in ihrer Schale steckte und doch schon neugierig den Kopf streckte. So halb schon hier draußen im Leben, halb noch im Sommerschlaf.
Auch sie fühlte sich halb hier und halb in ihrem Leben. Ihr Leben war jetzt in Berlin. Ein mann, zwei Kinder, eine Altbauwohnung in Schöneberg, umgeben von Spielplätzen und Kinderläden. Heute hatte sie der Zug hierher gebracht in ihr altes Leben. Das von vor 20 Jahren. Das wilde Studentenleben. Dieses Damals. Der Zug hatte sie ausgespuckt und sie ihrer Vergangenheit vor die Füße geworfen. Vielleicht hätte es eine Zugfahrt mit dem Orientexpress sein müssen, um ihr jetziges Leben so weit hinter sich zu lassen, damit sie leer und frei dieser Vergangenheit begegnen konnte. Nun wanderte sie ein wenig zwischen den Welten herum durch die Straßen.

Sie hielt die Kastanie in ihrer Schale vorsichtig in der Hand und ging weiter. Vor dem Fakultätsgebäude für Architektur und Bauwesen blieb sie stehen. Vertraut blickte sie die ergraute Fassade an. Die war der Zeit ebenso erlegen wie ihre Haare. Dennoch fühlte sie sofort warme Erinnerungen aufkommen. Die ersten unsicheren Schritte, verwirrend anstrengende Vorlesungen, unzählige neue Gesichter, zaghafte erste Freundschaften. Gegenüber der großen braunen Eingangstür blieb sie stehen. Dahinter wusste sie die große Eingangshalle, von der aus zwei Treppen nach oben führten. Da waren die Seminarräume und Lesesäle. Im unteren Bereich hatten die Professoren ihre Büros, da war das Dekanat, da saßen die stets genervten Damen mit all ihren Listen und Zetteln. Vermutlich würde das heute alles digital ablaufen. Keine Prüfungslisten mehr zum Einschreiben in A4 Ordnern, keine Anmeldungen für Seminare auf Papier.
Im rechten Teil des Gebäudes war die stets verrauchte Cafeteria. Ein verklebter Kaffeeautomat, der braune Suppe spuckte und Wechselgeld dankbar schluckte. Ein paar wacklige Stehtische mit übervollen Aschenbechern. Hier hatte sie einige Kaffeebecher mit Thomas getrunken. Er hatte sie dann hin und wieder im Studentenwohnheim besucht, sie war einmal bei ihm gewesen. Aber mehr wurde nicht daraus. Thomas verstand es Witze zu machen, von denen sie nicht wusste, ob er sie damit beeindrucken oder abschütteln wollte. Das lag vermutlich daran, dass Thomas sich damals selbst nicht verstand. Erst Jahre später hatten sowohl er als auch sie begriffen, dass seine männlichen Freunde ihm mehr bedeuteten, als alle Frauen der Welt. Und sie war sich nicht sicher, ob sie stolz darauf oder peinlich berührt sein sollte, dass er sie einmal ein wenig toll gefunden hatte, nur leider nichts mit Frauen anzufangen gewusst hatte.
Vermutlich würde Thomas hier heute auch auftauchen, dachte sie. Und die Idee, ihm wieder zu begegnen, gefiel ihr ganz gut. Doch dann dachte sie an all die anderen, mit denen sie hier unzählige Jahre verbracht, gelacht und gelitten hatte. Für Prüfungen gelernt, verzweifelt, über Professoren gelacht, die Liebe und das Leben durchanalysiert in statischen Tagträumereien. Sie dachte an all die Gespräche, die ihr bevorstanden. Auf die Begegnungen mit der Vergangenheit und dem stetigen Reisen zwischen damals und heute. Sie dachte an die Fragen, die auftauchen würden.

Als sie die Einladung zum Jahrgangstreffen erhalten hatte, war sie vorfreudig gewesen. Ein Abend mit anderen Menschen, mit Nichteltern. Zumindest nicht den Eltern, die sie ständig umgaben. Ein Abend in einer anderen Stadt. Einer Stadt voller lebhafter Erinnerungen. Ein Abend frei. Doch sie hatte nicht weiter gedacht. Gib dir einen Ruck, sagte die linke Schulter. Und sie wollte, bevor die rechte dagegen halten konnte, dieser nachgeben. Aus Gewohnheit drückte sie ihre Hände fest zu Fäusten zusammen. Die Kastanienschale stach ihr dabei unsanft in die Handfläche. Ein Schmerz durchfuhr sie und ihr wurde schwindlig. Und in dem Moment wusste sie, dass sie nicht durch diese Tür gehen konnte. Sie wusste, dass es ihr nicht gut tun würde und nein, sie wollte ihren freien Abend nicht so verbringen. Nicht unwohl. Nicht schmerzerfüllt.

Auf den großen Eisenzaun hinter sich legte sie vorsichtig die Kastanie und ging die Straße zurück Richtung Innenstadt. Ziellos auf eine Reise an stachelfreie Orte ihrer Vergangenheit.

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