Tag 59 – Fünf Minuten noch

Die Sonne hatte schon längst den Himmel geküsst, als sie langsam erwachte. Es dauerte ein paar Momente, bis sie begriff, wo sie war. Im Schnelldurchlauf spulte sie den vergangenen Abend durch, die Nacht und die Stunden, bevor sie hier auf dem Sofa eingeschlafen war. Vieles war etwas neblig und begraben unter den Unmengen von Bier und Rotwein, die sie getrunken hatten. Auf dem Tisch neben ihr summte ihr Handy. Zwölf weitere Nachrichten warteten bereits ungeduldig auf sie und schon begann der Puls in ihr zu rasen. So, wie er das morgens meistens tat, ob sie in ihrem Bett erwachte oder auf dem Sofa eines alten… Ja eines was eigentlich. Was war er eigentlich für sie? Ein Freund? Sie hatte ihn eine halbe Ewigkeit nicht gesehen, hatte keinen Kontakt gehabt und ihn in der letzten Nacht näher kennengelernt als in all den betrunkenen Nächten vor 20 Jahren. Für einen Bekannten waren die Gespräche zu tief geworden. Sie stöhnte auf, als sie den Kopf versuchte zu heben um ihr Handy zu bedienen. Zu Hause fragte man sich, wie es ihr ging, wo sie war und ob sie schon wüsste, wann sie heimkommen würde. Ihr Magen verklumpte sich beim Gedanken daran nach Hause zu fahren. Einfach so in ihr Leben zurückzukehren, in den Alltag und all das, was gestern noch völlig klare Normalität gewesen war. Es erschien ihr ebenso absurd, weil die Gespräche gezeigt hatten, dass dieses Leben nicht so sehr das ihre war. Dass es ein Leben war, das ihr passiert, dem sie begegnet und irgendwie verfallen war. Ihr Herz raste. So viele Türen waren letzte Nacht aufgegangen. Türen, von denen sie geglaubt hatte, dass sie fest verschlossen waren und nur in die Vergangenheit führen würden. Türen, die so keinem mehr nutzten. Aber auch Türen, von denen sie keine Ahnung hatte, dass es sie überhaupt gab und welche großen und kleinen Räume und Säle sich dahinter verbargen. Und nun stand sie da in dieser zugigen Luft zwischen all den Türen und sollte einfach in den nächsten Zug steigen und nach Hause fahren? Sie ließ das Handy zurück auf den Tisch und ihren Kopf ins Sofakissen gleiten. Fünf Minuten noch, dachte sie. Fünf Minuten noch in dieser Welt, in diesem Traum.

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