Tag 74 – Kaffee

“Kaffee?”
Sie nickte erleichtert. Kaffee würde sicher ihren Kater nicht wegspülen. Kaffee würde all die offenen Fragen nicht beantworten, würde ihr keine Lösung in die Hand drücken. Aber Kaffee würde einfach nur warm durch ihren Körper wandern. Ein wohliges Gefühl. Die Tasse in der Hand würde ihr etwas zum Festhalten geben. An einem Morgen, an dem alles, an dem sie sich bisher festgehalten hatte, fraglich schien. An dem alle Anker irgendwo am Meeresboden im Sand scharrten, die Seile halb zerschlissen daneben tanzten. Ihr Schiff taumelte in den Wellen und Wogen. Möge der Magen ihr wohlgesonnen sein.
Er nahm die Kaffeemühle in die Hand und spazierte damit durch die Wohnung. Schaltete die Anlage ein, steckte das Handy an und drückte auf eine Playlist. Wie er immer die richtige Musik für den richtigen Moment fand, war ihr rätselhaft. Aber sie genoss die leisen Klänge, die ihre Ohren beseelten und das Herz etwas beschwingten. Er spazierte kaffeemahlend zurück in die Küche und warf einen Blick in den Kühlschrank. Der schien nicht viel herzugeben, denn er schloss die Tür recht schnell und fuhr mit der Kaffeemahlerei fort. Sie war ihm leise in die Küche gefolgt. Wollte ein Glas Wasser holen. Aber er hatte sie nicht bemerkt. Als er sich umdrehte und sie bemerkte, erschrak er so sehr, dass die Kaffeemühle aus seinen Händen glitt. Kaffeebohnen verteilten sich auf dem Küchenboden. Beide hockten sich gleichzeitig nieder und sammelten die Bohnen wieder ein. Stück für Stück. Es fiel ihr schwer sie aufzuheben. Ihre Hände zitterten. Seine Nähe zu spüren hier in diesem engen Raum. Seinen Geruch, seine Wärme. Das wäre so ein Moment, dachte sie. In Filmen sind das die Momente, in denen man aneinander stößt, sich dann entschuldigend in die Augen blickt und mit einem Mal die ganzen, über Stunden oder gar Tage angehaltenen Nerven völlig verliert und sich ineinander verliert. Ein Kuss, der schnell wild wird. Eine Welt, die stehen bleibt, weil alles andere so rasant geht. Weil Hände wandern und zwei Menschen einmal losgelassen nicht mehr anders können als nicht aufhören sich ineinander miteinander zu verzweien. Wo heftig ausgeatmet wird, wofür bisher zu oft der Atem angehalten und Worte verschluckt wurden. Wo Sinn und Verstand wie Kaffeebohnen zermahlen und heiß übergossen werden,  unerkennbar als trauriger Müll am Tassenboden hocken.
“Alles okay?” fragte er.
Sie hatte aufgehört Kaffeebohnen einzusammeln und kniete stattdessen auf den Boden starrend neben ihm. Hatte sich in einem Bild verloren und war nun nicht sicher, ob sie froh sein sollte, dass es eine Phantasie gewesen war oder enttäuscht darüber, dass er nun wieder Kaffeebohnen mahlend in seiner Küche stand. So wie vor einer Minute noch, als ihre Phantasie noch ein weißes Blatt in einem verschlossenen Notizbuch war.

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