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Radikale Selbstliebe

Ich bin ein sehr sensibler Mensch. Emfpindsam. Ich spüre vieles, nehme zwischen den Zeilen wahr und sehe, höre und fühle Dinge, die anderen gern verborgen bleiben oder die sie besser ausfiltern können. Das hat mich lange gehemmt und eingeschränkt. Denn ich habe geglaubt: Mit mir stimmt was nicht. Als Mimose bezeichnet schon in Kindertagen, war das auch kein Wunder.

Heute weiß ich, dass diese Sensibilität eine Stärke ist. Ich sehe, höre und fühle viel und daher auch sehr schnell und sehr früh. Ich kann mich rechtzeitig zurücknehmen, wenn ich das brauche. Ich kann Situationen meiden, die mir nicht gut tun und stehe dazu. Früher hab ich geglaubt, ich wäre der Freak. Dabei war ich die einzige, die sich eingestanden hat: Da gehöre ich nicht hin, das tut mir nicht gut, das lasse ich lieber.

„Wie schaffst du es NICHT auf eine Party zu gehen?“ fragte mich eine Kollegin, als ich die Einladung einer anderen Kollegin an das gesamte Büro ablehnte. Zu dem Zeitpunkt hatte ich verstanden. Aber wohl fühlte ich mich damit noch lange nicht. Das ist heute nochmal anders.

Im Grunde gibt es nur ein einziges Problem, das wir mit uns herumtragen. Es ist der Mangel an Selbstliebe. Daraus resultierend Mangel an Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein.

Wann immer wir uns über jemanden ärgern, das Gefühl haben, liegt es daran, weil die Person einen wunden Punkt getroffen hat in uns und wir das sofort auf uns nehmen. Wenn wir wo nicht hinein passen, haben wir schnell das Gefühl, dass liegt an uns. Weil wir komisch sind, die anderen alle normal. Dabei ist niemand normal und niemand komisch. Wir sind nur sehr sehr selten einfach ganz wir selbst. Wir versuchen irgendwo hineinzupassen. Wir versuchen Ärger von uns zu schieben oder fressen ihn auf. Weder noch tut uns gut. Aber wir haben das nicht anders gelernt.

Von klein auf haben wir vermittelt bekommen: Ich mache Fehler, ich bin falsch, ich bin nicht genug, ich bin zu sehr dies und zu wenig das. Wir waren doch nie genug, nie richtig und schon gar nicht nie so, wie wir waren, einfach gut genug. Und deshalb sehen wir zu allererst auch meistens bei uns den Fehler. Fühlen uns schlecht. Nicht gut. nicht genug.

Das einzige, was uns hilft, hier auszubrechen, ist radikale Selbstliebe.

Nicht nur das Akzeptieren der Person, die wir sind, sondern auch das pure Lieben und Annehmen unserer Selbst. Uns im Spiegel in die Augen sehen und sagen können: Ich liebe Dich, du verrücktes Ding!

Was denkst du, wenn du in den Spiegel schaust? Ach, wie sehe ich denn wieder aus? Fertig. Müde. Erschöpft. Zu dick. Zu dünn. Zu faltig. Zu groß. Zu klein. Schnell wegschauen. Zu komisch?

Ich sage: Schau hin! Jeden Tag ein bisschen länger, immer öfter. Und versuche dieses Wesen dort zu lieben. Du kannst vorsichtig beginnen mit dem Satz: „Ich will lernen dich zu lieben.“ Das gibt dem Wesen im Spiegel Hoffnung und Zuversicht. Und auch davon brauchen wir alle viel mehr.

Wir verbringen die meiste Zeit unseres Lebens mit uns selbst und reden doch so oft und so viel schlecht über uns. Die Stimme in unserem Kopf, mit der wir einen dauerhaften Dialog führen, ist selten einfühlsam und liebevoll. Sie ist sehr oft sehr fies und streng. Wir haben sie uns antrainiert. Deshalb können wir sie auch umtrainieren. Und je eher wir damit anfange, umso besser.

Ich will versuchen, dich zu lieben.

Du bist wertvoll.

Du bist großartig!

Du bist einzigartig!

Du bist genug. Mehr als genug.

Jeden Tag ein bisschen. Nur 500x. Ungefähr. Luftlinie.

Und das drei Wochen lang. Mindestens. Denn diese vielen Jahre des kritischen Dialogs, die müssen erst einmal umgekrempelt werden. Das braucht Zeit. Geduld. Und kostet immer wieder Kraft. Aber bevor wir die Kraft in negativen Dialog stecken, dann doch lieber in liebevolle Worte an uns, oder?

Morgens beim Zähneputzen. Zum ersten Kaffee. Beim Warten auf die U-Bahn oder den Bus. In der U-Bahn oder im Bus. Beim Duschen. Beim Kochen. Vor dem Schlafengehen. Möglichkeiten haben wir viele. Nutzen wir auch. Es ist die Chance. Wenn nicht sogar unsere einzige. Bist du dabei?

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