Tag 45 – Im Hof

Als die schwere Eichentür ins Schloss gefallen war, lag Stille im Hof der Margaretenstraße 28. Oben irgendwo da über dem vierten Stock war noch eine Ahnung von Spätersommersonne zu sehen. Die Pflanzen erzählten von einem langen und heißen Sommer, hingen braun, durstig und unmotiviert in ihren Töpfen und blickten erstaunt auf die Menschen, die da kreuz und quer vor ihnen lagen.

Die Fenster in den Wohnungen waren alle verschlossen. Eine Taube landete auf dem Dach und blickte in den Hof. Verlassenheit lag über dem Haus. Rückkehr wälzte sich im Hof. Die Menschen, die da lagen, begannen allmählich sich zu bewegen. Füße wurden gestreckt, Arme fielen von einer Seite auf die andere. Die ersten, die die Augen öffneten, schauten sich entsetzt, fast panisch um. Herr Lang war der erste, der aufsprang. “Was, was ist hier los?” rief er. Frau Professor Novak aus dem dritten Stock stand ebenfalls hastig auf. Sie antwortete ihm nicht, blickte sich nur um, strich mit den Händen über ihre Hosenbeine und Ärmel. Ihre grauen kurzen Haare standen etwas wirrer als sonst zur Seite, doch das schien sie nicht zu bemerken. “Weiß denn niemand was hier los ist?” rief Herr Lang wieder in den Hof.
“Manfred? Manfred?” rief eine Frauenstimme. “Weißt Du was das alles soll? Was machen die ganzen Leute im Hof?”
Manfred Matthes aus dem zweiten Stock der hinteren Stiege antwortete kurz: “Woher denn? Ich bin ja einer von ihnen.” Aber seine Stimme zitterte. Das beruhigte seine Frau gar nicht. “Manfred. Das ist doch nicht normal?”
“Jetzt beruhigt Euch mal alle.” sprach jemand leise von hinten. “Wenn wir hier so wirr herumschreien, wird das auch nicht besser.” Alle blickten auf Jimmy, der an die Wand gelehnt auf dem Boden saß und sich eine Zigarette drehte.
“Ach, Du bist wohl ein ganz schlauer, was?” fragte Herr Lang hektisch.
“Nee”, sprach Jimmy, “Aber so wie sich das anhört, weiß hier keiner was wirklich los ist. Und da isses vielleicht besser, wir fangen das mal ruhig an zu besprechen.” Jimmy schaute dabei die ganze Zeit konzentriert auf seine Zigarette, die sich allmählich zu einer solchen formte. Er leckte das Papier entlang und klebte die obere Seite auf die untere. Dann zupfte er ein paar Tabakfäden aus beiden Enden und steckte sich die dünnere Seite in den Mund.
“Was soll ich denn hier ruhig besprechen? Hier liegen Menschen im Hof am Boden und sie wollen da mal in Ruhe drüber sprechen? Ich finde wir sollten die Polizei rufen!” rief Helga Matthes aufgeregt.
“Ach, und was soll das nun wieder bringen?” fragte Jimmy gelassen und zündete die Zigarette an.
Helga Matthes rang nach Luft. “Was das bringen soll? Na irgendwer muss doch hier mal untersuchen, was hier passiert ist! Das, das ist doch nicht normal, dass hier mitten am Tage Menschen einfach so im Hof ihres Hauses herumliegen!”
“Da gebe ich Ihnen ja recht. Aber was wollen Sie der Polizei erzählen? Wir sind alle aufgewacht und lagen am Boden? Ich meine, die lassen uns ja alle gleich 1, 2, 3 einweisen. Hops haben wir alle schicke Jacken an und sitzen im Reisebus auf die Baumgartner Höhe.” Für manche hier wäre das vielleicht genau das richtige, dachte er sich aber sprach es nicht aus.
“Also ich finde Herr… äh… also der Herr dort hat recht.” sagte Frau Professor Novak und zeigte auf Jimmy. “Wir alle wissen nichts, irgendetwas ist vorgefallen und wir sollten erst einmal mit unseren eigenen Köpfen versuchen herauszufinden, was uns möglich ist.”
Mittlerweile waren auch die restlichen Bewohner und Bewohnerinnen aufgestanden. Die meisten nickten jetzt und stimmten Frau Professor Novak stumm zu. Die hielt nun das unsichtbare Redeschwert in ihrer Hand und erschrak, denn sie wusste selbst nicht so recht, wo genau sie da jetzt anfangen sollten zu reden.
Auf dem Dach hatten sich allmählich neun Tauben versammelt, als wären auch sie interessiert daran zu erfahren, was hier vorgefallen war.

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